Samstag, August 20, 2022

Heike Makatsch, die rätselhafteste Kommissarin

EEs war wie ein Blitz, sagt der Inspektor, wie die Erkenntnis. Sie sah es in seinen Augen. Gewalt, List, Angst, sogar Panik. Ellen Berlinger kennt ihre Augen, ihre können riesig sein. Und auch mit Blitz. Als Ellen Berlinger ist Heike Makatsch das leibhaftige Prinzip der Intuition.

Sie weiß immer etwas, ohne etwas zu wissen. Und dann folgt sie diesem Wissen. Man muss sich ihre Ermittlungsarbeit so vorstellen, als würde man mit einem Blitzlicht in der Hand durch ein dunkles Labyrinth gehen. Ihre gottlob auf Tatsachen fixierten Vorgesetzten sind verwirrt.

Das hat uns auch verrückt gemacht. Weil es einen Charakter gab, der mit sich selbst und dem Format und dem, was man sein Story-Potenzial nennen könnte, nicht im Einklang war. Aus dem Gleichgewicht geraten, am Rande der Unfertigkeit.

Eigentlich war Ellen Berlinger ohnehin nur für einen Fall bestimmt. Es heißt Event-Thriller. Die Verantwortlichen für Sonntagabend-Krimi mochten das eine Zeit lang für manches Festival und manche Berühmtheit. Plante Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar. Peter Kurth und Peter Schneider nach Halle. Heike Makatsch fand Arbeit als Ellen Berlinger in Freiburg.

Vorfall. Nicht mehr, nicht länger. Dann – das ist die fast schon logische Konsequenz aus dem Event-Krimi – mehr davon, aber zugleich eröffnet im Schwarzwald mit Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner (und eigentlich – als Event-Idee – Harald Schmidt als Abteilungsleiter, ist aber abgesprungen, bevor es richtig losging).

Makatsch ging nach Mainz. So unausgeglichen wie Ellen Berlingers Karriere war, so unreif war der Charakter dieser Kommissarin, deren schrecklicher Parka und der schreckliche Rest ihrer Kleidung ihr Panzer sind wie nur der wahnsinnige Kommissar Faber in Dortmund.

Sie haben es beim WDR ordentlich entwickelt. Er bekam eine schlüssige Geschichte, ein psychologisches Gutachten, sozusagen eine Anleitung als Grundlage für alles. Dass die ersten Dortmunder Fälle allesamt von Jürgen Weber geschrieben wurden, tat der Plausibilität der Geschichte um den traumatisierten Bereitschaftskommissar keinen Abbruch.

Wenn wir uns am Ende der eigentlich verdienten „Tatort“-Staffel etwas wünschen dürften, dann würde Thomas Kirchner für Heike Makatsch, besser für ihre schauspielerische Physiognomie, genauso viele Fälle schreiben wie für Christian Redl im Legendären „Spreewald-Krimi“ (der auch als Event-Krimi begann). Das wären mehr als ein Dutzend. Und Makatsch wäre eine Sonntagnacht-Krimi-Legende.

Kirchner spiegelte das Prinzip der Intuition, die stroboskopische Natur Ellen Berlingers in einer narrativen Struktur wider. Das klingt jetzt gewollt, ist es aber nicht. Ellen Berlinger und Thomas Kirchner sind ideale Partner. So wie Berlinger recherchiert, so schreibt Kirchner Drehbücher. Unabhängig von der Chronologie Geschichten voller Blitze und Rückblenden. Mythische Geschichten, Thriller, in denen sich das Reale, das Menschliche und das Magische kreuzen.

Anders als im Spreewald in Mainz sind Mythos und Magie nicht so weit entfernt. Kirchner kann verzichten. „In seinen Augen“ heißt sein erster Makatscher „Tatort“. Er durchkreuzt keine Legenden, sondern Lebensträume, Klischees und Vorurteile mit diversen Nebenhandlungen.

Wenn Sie alles linear nacheinander erzählen würden, würde dies wahrscheinlich zu einem ziemlich pingeligen Vorabend führen. Durch die Verschränkung, durch das Ineinandergreifenlassen der unterschiedlichen Zeitebenen, die sich nicht nur kommentieren, sondern nicht nur fortsetzen, ergibt sich ein ziemlich süchtig machendes Täuschungsspiel, das erfolgreich davon abhält, sich zu viele Gedanken über die grundlegende psychologische Flachbrüstigkeit der zu machen Figuren.

Der Mann, in dessen Augen Ellen Berlinger List, Gewalt und Angst sah, heißt Hannes. Er ist in den Dreißigern und hat einen ziemlich definierten Körper. Er war auf Betrug hereingefallen. Jetzt sitzt er in der Villa einer Fabrikantenwitwe.

Ihr Name ist Bibiana „Bibi“ Dubinski. Das ist ihr Name, besser gesagt. Weil sie tot ist. Starb unter seltsamen Umständen an einem Insulinschock. Hannes war ihr Spielkamerad, ihr Gigolo, sagt man immer noch gern, wenn ältere Frauen jüngere Männer lieben.

Ihr Major Domus. So nennt Charlotte diesen zwielichtigen hübschen Jungen. Charlotte ist, war Bibis beste Freundin. Sie stellte Hannes Bibi vor. Hannes, Ellen Berlinger hat das gesehen, Ellen Berlinger weiß, dass sie die Mörderin ist, bevor sie etwas beweisen kann. Sie muss nur das tun, was Kirchner mit seinem Drehbuch macht, die Geschichte im Nachhinein wie ein Puzzle zusammensetzen.

Am Ende ergibt sich natürlich ein ganz anderes Bild, als Ellen Berlinger vor Augen hat. Bei ihm stößt sie ständig auf Widerstand, sie ist gut darin, braucht ihren Kollegen Rascher als Vermittler, Übersetzer, Schlichter. Er ist – auch weil ihn Sebastian Blomberg spielt – ein Glücksfall für Mainz und Makatsch.

Im Durchschnitt schrieb Thomas Kirchner pro Jahr einen „Spreewald-Krimi“. Wir brauchen auch keine Ellen Berlingers mehr. Aber das hätten wir gerne.

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