Freitag, August 12, 2022

„Hoffentlich wird es wie im Paradies“

SWenn dieser energiegeladene 41-jährige Musiker und Musiker, diese Mischung aus Einfühlungsvermögen und überschäumender Schaffensfreude, vor einem Orchester steht, ist jedes klassische Orchester ernsthaft gefordert. Wenn Omer Meir Wellber auch als Dirigent Akkordeon spielt, wie in Astor Piazollas „Libertango“ mit den Wiener Symphonikern, sind die Profis zu noch mehr gefordert.

Denn was Wellber seinem Instrument entlockt – das, wie er sagt, „anders als das Klavier atmet“ – geht unter die Haut. Der Komiker Bastian Pastewka gestand kürzlich in der „NDR-Talkshow“ bewundernd, dass er während der Libertango-Aufführung „völlig ausgeflippt“ sei.

Der israelische Komponist, Pianist und Akkordeonist Omer Meir Wellber ist seit 2019 Chefdirigent des BBC Philharmonic, seit 2018 musikalischer Leiter des Teatro Massimo di Palermo und Erster Gastdirigent der Semperoper Dresden und beginnt als musikalischer Leiter an der Wiener Volksoper im September.

Bevor er das Haus in Wien mit neuem Leben erfüllt, gibt Wellber 14 Konzerte mit neun Programmen im Norden, nämlich als Artist in Residence beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF). Eröffnet wird das Festival am 3. Juli mit einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Alan Gilbert in Lübeck – mit Igor Levit am Flügel erklingt das Klavierkonzert Nr. 2 von Johannes Brahms, dem die diesjährige Komponisten-Retrospektive gilt gewidmet.

Wellber gibt auch einige Konzerte mit Brahms-Werken, darunter den Abend „Omer & Brahms“ mit dem Festspielorchester, wo das Doppelkonzert für Violine (Veronika Eberle) und Cello (Steven Isserlis) für den 29. Juli in Flensburg geplant ist. Mellbers erstes Konzert war jedoch am 6. Juli in Hasselburg. Schon der Titel „Die acht Jahreszeiten“ lässt aufhorchen.

Wellber kombiniert Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ mit Astor Piazollas „Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“ und verschränkt den argentinischen Komponisten des 20. Jahrhunderts mit dem Meister des Barock. Wellber wird das Konzert mit Jacob Reuven an der Mandoline und dem Streicherensemble der Wiener Volksoper dirigieren und selbst Akkordeon und Cembalo spielen – was ein intensives Hörerlebnis verspricht, denn Wellber gilt gerade auf dem ersten Instrument als Ausnahmefigur.

„In meiner Heimatstadt Be’er Sheva – einer Stadt voller Einwanderer aus Osteuropa – ist das Akkordeon sehr beliebt“, erzählt Wellber WELT AM SONNTAG von seiner Kindheit in Israel, „und es spielt eine wichtige Rolle bei allen alltäglichen Gelegenheiten des Einsteigens zusammen und gemeinsam zu singen. Sobald ich die ersten fünf Akkorde kannte, begleitete ich sofort meine Familie zum Singen.“

Unter Wellbers Konzerten gibt es „keinen, bei dem ich nicht mit Freunden Musik mache“, sagt der Künstler und verweist damit auf Leonard Bernstein, der das Festival 1986 unter dem Motto „Let’s make music as friends“ gegründet hat. Wellber bezieht sich in seinem Werk auch auf andere Weise auf Bernstein; bei der arbeit sind ihm die gleichen drei prinzipien wichtig: „erstens die freiheit, neue dinge auszuprobieren, zweitens die musikalische ausbildung und drittens die arbeit in den gemeinden vor ort.“ Diesem Credo folge er, das gelte auch für seine Arbeit in Palermo, sagt Wellber – und sein Plan, im Herbst mit neuen Formaten „die Volksoper den Menschen zurückzugeben“, basiere auf diesem integrativen Prinzip.

Als Dirigent des BBC Philharmonic wird sich Wellber zusammen mit dem Pianisten Fazil Say in Lübeck (23. Juli) und in Sonderburg, Dänemark (24. Juli) von einer anderen Seite präsentieren. Gespielt wird Ludwig van Beethovens Drittes Klavierkonzert und Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll. Der Dirigent will das Festival vor allem für musikalische Experimente nutzen, denn „ich werde in meinen fünf Wochen hoffentlich den künstlerischen Traum vom Musizieren im besten Sinne ausleben.“

Das bedeutet für ihn, dass hier nicht nur Tourneeprogramme gespielt werden, die Gestaltungsfreiheit garantiert ein „politisch nicht korrektes Festival. Ich fühle mich dort wohl.“ Darüber hinaus sind Künstler heute dazu verdammt, viel zu reisen, aber beim Festival wird sich die Arbeit anfühlen „wie ein Künstler in den 20er oder 30er Jahren, der an einen Ort geht, bleibt und in derselben Atmosphäre arbeitet. In Schleswig-Holstein gibt es diese tolle Natur und viele Freunde, die auch dabei sein werden. Hoffentlich wird es wie im Paradies.“

Die Bandbreite der Programme von Wellber ist enorm. Er ist auch Romanautor und stellt gerade seinen zweiten Roman fertig – nach seinem Debüt „Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner“. Auch Wellber erscheint lesend an der Seite von Isabel Karajan. Beide werden in Plön (27.7.) Richard Strauss‘ Version von „Henoch Arden“ auf Daniel Ciobanus Klavierspiel aufführen. Mit Dominique Horwitz als Sprecher und Wellber als Pianist am Pult ist Strawinskys „The Soldier’s Tale“ in Kiel zu hören (31. Juli).

Der zweite Festivalschwerpunkt ist Johannes Brahms gewidmet. Nicht nur Brahms-Experte Alan Gilbert feiert den Hamburger Komponisten, seine Werke sind in 57 Konzertprogrammen zu hören. Spannende Kombinationen mit Literatur bieten „Brahms und der Norden“ mit Axel Milberg (Kiel und Lübeck), „Brahms und die Schumanns“ mit Martina Gedeck (Kiel und Hamburg) und „Täuhrheit, Täuschung, Liebe“ mit Christian Brückner in Flemhude und Glücksburg.

Das Programm des 37. Schleswig-Holstein Musik Festivals (2. Juli bis 28. August, www.shmf.de) umfasst 204 Konzerte, fünf Landmusikfeste, zwei Kindermusikfeste und den Werftsommer in Lübeck. Das Budget des Regisseurs Christian Kühn beträgt 11,3 Millionen Euro. Es gibt Aufführungen in 123 Spielstätten an 65 Standorten in Schleswig-Holstein, Dänemark, Hamburg und dem nördlichen Niedersachsen. Unter den Stars in Kieler Konzerten Tom Jones (6. August), Elisabeth Leonskaja (16. August), Martin Grubinger (4. August) und Sänger der Metropolitan Opera New York mit einem „Porgy & Bess“-Konzert in der Wunderino Arena (ehemals Ostseehalle, 27. August). In Hamburg gibt es sechs Konzerte im Großen Saal der Elbphilharmonie, wo die Prager Symphoniker am 22. August mit der Cellistin auftreten Anastasia Kobekina aufspielen.

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