Donnerstag, September 29, 2022

Im Reich der rachsüchtigen Grausamkeit

EIn einem seiner prominentesten Sätze formulierte der afroamerikanische Soziologe und Aktivist WEB Du Bois (1868–1963) auf der ersten Panafrikanischen Konferenz in London 1900 eine Prognose: „Das Problem des zwanzigsten Jahrhunderts ist das Problem des Farblinie“. Das Hauptproblem des 20. Jahrhunderts ist das Problem der Farblinie, also der rassistischen Abgrenzung von Hautfarben.

Dreieinhalb Jahrzehnte später begab sich Du Bois auf Welttournee. An erster Stelle stand Europa – England, Frankreich, Belgien. Bevor es weiter in die Sowjetunion, nach China, Japan und schließlich über Hawaii zurück in die USA ging, legte Du Bois einen längeren Zwischenstopp in Deutschland ein. Insgesamt fünf Monate hielt er sich im Nazi-Reich auf. Er schrieb über seine Eindrücke und schickte sie nach Übersee, wo sie als wöchentliche Kolumne in einer der damals meistverkauften afroamerikanischen Zeitungen, dem Pittsburg Courier, gelesen wurden.

Gut 20 dieser Reiseberichte, vor allem jene, in denen Du Bois seine Beobachtungen zum Dritten Reich festgehalten hat, liegen nun in deutscher Sprache in Buchform vor. Auf den ersten Blick erscheint der englische Titel „Along The Color Line“, der das berühmte Diktum von Du Bois aufgreift, nicht sonderlich passend. Denn ausgerechnet bei jenem „Problem des zwanzigsten Jahrhunderts“, das sich 1936 in Deutschland abzeichnete, spielte der Rassismus eine entscheidende Rolle, nicht aber die Farblinie. Sechs Millionen Juden wurden nicht wegen ihrer Hautfarbe ermordet.

Offensichtlich hatte der Titel eine andere Lesart im Sinn. Folgt man dem vorsichtigen Nachwort des Herausgebers Oliver Lubrich, geht es in „Along The Color Line“ nicht zuletzt darum, die Perspektive zu benennen, aus der Du Bois die europäischen, insbesondere die deutschen Verhältnisse damals wahrnahm. So weit, so plausibel. Denn es ist unverkennbar, wie sehr er sich als engagierter afroamerikanischer Intellektueller und Pionier der Bürgerrechtsbewegung in seinen Texten mit gesellschaftspolitischen, sportlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ereignissen im Ausland auseinandersetzt. Auffallend ist auch, dass der Hitler-Deutschland-Bericht von Du Bois in zwei Teile gegliedert ist.

Der erste Teil umfasst jene Kolumnen, die während seines Deutschlandaufenthalts in den USA erschienen sind: Es geht um die Olympischen Spiele in Berlin, mit denen das Dritte Reich nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze sein Image vor den Augen der Welt aufpolieren wollte das vorherige Jahr . Doch Du Bois konzentriert sich auf die afroamerikanischen Ausnahmesportler wie Jesse Owens und Jimmy LuValle, die mit ihren Goldmedaillen den Imagesieg für das schwarze Amerika errungen haben.

Potenzial für Black Empowerment sieht Du Bois auch in der deutschen Hochkultur, selbst in der von den Nazis assimilierten. Richard Wagner etwa, dessen Leben und Werk Du Bois bei seinem Besuch in Bayreuth behandelte, empfiehlt sich mit seiner Biographie eines Aufsteigers (er war Sohn eines einfachen Beamten und einer Bäckerstochter) als Vorbild zur Nachahmung. Die innerbetriebliche Berufsausbildung im Siemens-Werk in Berlin wird genauestens geprüft. Du Bois besucht Museen und sinniert über die Vorzüge des bayerischen Bieres.

So witzig und kenntnisreich – Land und Sprache war Du Bois bereits von früheren Deutschlandreisen her vertraut – so unscharf die detaillierten Schilderungen sind, ergibt sich ein Gesamtbild vom Leben in der Diktatur. Kritik am Regime wird bestenfalls zurückhaltend geäußert. Du Bois verliert kein einziges Wort über die Situation der Juden.

Beim Lesen stellt sich unweigerlich die Frage, ob Farblinie Neben der Blickrichtung des Autors beschreibt es auch die Grenzen seiner Wahrnehmung, eine Barriere, die ihn unempfindlich gegenüber den Anliegen von Minderheiten macht, denen er selbst nicht angehört.

Dass diese Frage verneint werden kann, wird spätestens in dem Artikel deutlich, der am 5. Dezember 1936 im Pittsburgh Courier erschien. Du Bois hatte Deutschland zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits verlassen und musste keine Konsequenzen mehr befürchten . Auch in den folgenden Kolumnen schreibt er offen und liefert komplexe Analysen zu den zeitgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen und nicht zuletzt technischen (Propagandainstrument Radio) Aspekten des Nationalsozialismus.

Und während Du Bois noch betont, ausgerechnet in Deutschland keine nennenswerten Anfeindungen gemacht zu haben, vor allem keine, die an die Rassismuserfahrungen in den USA heranreichten, betont er die qualitative Besonderheit und das Ausmaß des staatlich gelenkten Antisemitismus in Deutschland: eine „rachsüchtige Grausamkeit und öffentliche Herabwürdigung, die alles übertrifft, was ich je erlebt habe“. Auch diese Aussage ist entlang der Farblinie getroffen. Bei Du Bois ist es die spezifische Beobachterposition eines Menschen, der vergleicht, ohne gleichzusetzen.

William EB Du Bois: „Entlang der Farblinie“. Eine Reise durch Deutschland 1936. Herausgegeben von Oliver Lubrich. Aus dem Englischen übersetzt von Johanna von Koppenfels. CH Beck, 176 S., 20 Euro

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