Donnerstag, September 29, 2022

Mit diesen Tipps wird die Berlin Art Week zur Entdeckung

EINAn diesem Wochenende kommt man in Berlin nicht um Kunst herum. An rund 300 Orten, in Galerien und Museen werden Ausstellungen eröffnet, diskutiert und gefeiert. Und ohne Kunstmesse geht es nicht einmal zur „Berlin Art Week“ in die Hauptstadt. Die „Positions Berlin Art Fair“ lädt erneut zum Flughafen Tempelhof – gemeinsam mit „Fashion Positions“ zeigen 20 Berliner Modedesigner ihre Arbeiten.

In diesem Jahr bekommt allerdings ein etwas abseits gelegener Ort viel Aufmerksamkeit: die Uferhallen im Wedding. Klassikfans kennen die Kopfsteinpflasterstraße am Pankekanal, denn der Salon Christophori lässt dort Weltklasse-Musiker in entspannter Atmosphäre spielen. Auf dem Uferhallen-Gelände ist leider nichts entspannt, denn vor einigen Jahren wurden mehr als 95 Prozent der Anteile an der AG an die Marema GmbH verkauft, die mit den Samwer-Brüdern von Zalando verbunden ist. Sie planen hochpreisige Mietwohnungen und Büroflächen; Studios müssen weichen. Die Zusammenkunft zur Berlin Art Week könnte nun für manche zu einer Art Abschiedstanz werden. Doch nun gehört der Raum wieder der Kunst – mit zwei Ausstellungen, „Auf Augenhöhe“ und „Art Shares“ des Neuen Berliner Kunstvereins, und viel Programm.

Wer also im Berliner Immobilienwahn überleben will, muss weiter raus als den Wedding. Mit „Hallen #3 – Reinickendorf Rules“ beweisen die Wilhelm Hallen, dass sie Galeristen halten wollen: Mehdi Chouakri ist hier fast zu Hause – und gleichzeitig in der Fasanenstraße in Charlottenburg zwischen so vielen etablierten Galeristen. Allein in der Fasanenstraße sind unter anderem Crone, Daniel Buchholz und Wolfgang Werner zu Hause. Aber wie entscheidest du, was du dir ansiehst? Wir haben eine kleine Auswahl mit ganz unterschiedlichen Künstlern getroffen. Swantje Karich


Was Capitain Petzel in ihrer Vitrine in der Karl-Marx-Allee zeigt, ist eine Entdeckung – auch für die Galerie selbst. Als die aus den USA geschickten Leinwände ausgepackt wurden, waren alle fassungslos, sagt ein Mitarbeiter. Sie haben noch nie mit Austin Martin White gearbeitet. Und die Werke des 1984 in Philadelphia geborenen Künstlers erschließen sich erst wirklich, wenn man sie im Original sieht.

Was wie figurative Malerei mit Neon-Tageslicht-Akzenten aussieht, ist tatsächlich komplexe und doch berauschend bunte Kunst. Austin Martin White drückt flüssigen, farbigen Kunststoff durch Drucksiebe, bis ein Relief auf dem Bild entsteht. Als Bildträger dient ein Nylongewebe, auch Latex und Gummi kommen zum Einsatz, sowie eine Vinylschneidemaschine. White findet seine Motive in Stichen und Büchern aus der Kolonialzeit, in den Kautschukplantagen der Ford Motor Company in Brasilien – oder in den Technotempeln von Berlin und Detroit. Die Bilder der Ausstellung Last Dance (bis 22. Oktober) feiern Feste am Ende der Geschichte. Boris Pofalla

Auf der Art Basel werden junge Talente in der Sektion „Statements“ gezeigt, die beste Präsentation wird mit dem Baloise Art Prize ausgezeichnet. Das Besondere an dieser Auszeichnung ist, dass sie nicht nur ein Preisgeld beinhaltet, sondern auch mit einem Kauf, einer Spende und einer Ausstellung in einem Museum verbunden ist. Die New Yorker Galeristin Simone Subal wurde letztes Jahr für ihren Stand mit Cameron Clayborn geehrt. Die kokonartigen Skulpturen aus recycelten Textilien, Dämmstoffen und Gips waren zum Anfassen bestimmt, während die an der Wand aufgespießten Metallobjekte mit Vorsicht behandelt wurden.

Unter dem Titel Nothing Left to Be sind Cameron Clayborns geheimnisvolle Objekte, Installationen und Farbzeichnungen ab sofort (bis 22. Januar) im Hamburger Bahnhof zu sehen. Zwei Skulpturen aus der Serie „Homegrown“ kommen in die Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Markus Wöller


Die Ausstellung von Peter Doherty – ja, dem Pete(r) Doherty, der eigentlich als Frontmann der Bands Babyshambles und The Libertines bekannt ist – in der Janine Bean Gallery gleicht einer Zeitreise in die späten Nuller und frühen Zehner ( bis 31.12.). Die Reise führt in das jugendliche Unbewusste jedes Millennials: Unterwäsche auf dem Boden, Indie-Rock, meist irgendein Song von The Strokes, My Chemical Romance oder Fall Out Boy, in voller Lautstärke. Dazu traurige Liebesbriefe, das Zimmer ist abgedunkelt und ein fürchterlicher Gestank, als würde in diesem Zimmer ein Tiger statt eines jungen Menschen leben. Kunst besteht aus zusammengeschnippelten Bildern, mit Kaffeeflecken beschmutzten Gedichten und Texten und einer Schreibmaschine, die sagen soll: „Schau her! Ich bin tiefsinnig, einzigartig und ein Schriftsteller.“

Damals hatte gefühlt jeder zweite Literaturstudent eine alte Schreibmaschine – nur wurde sie nie benutzt. Die Ausstellung „Contain Yourself (Seriously)“ könnte auch auf dem Tumblr-Konto eines Emos stattfinden – dem alten Äquivalent zu Instagram. Farbig in Sepia oder Schwarzweiß, mit einem eindringlichen Zitat von Edgar Allen Poe über den Bildern. Ein authentisches Millennial-Lebensgefühl also, das nur Pete Doherty vermitteln kann, der freundlicherweise Berlin dafür ausgewählt hat. Artur Weigandt


Unter den öffentlichen Privatsammlungen Berlins gehört die Sammlung Feuerle zu den weniger bekannten. Sie existiert seit sechs Jahren und steht – wie die weitaus beliebtere Boros-Kollektion – in einem Bunker. Der Sammler, Asien-Fan und Ex-Galerist Désiré Feuerle hat es vor knapp zehn Jahren gekauft und zu einer Art Wellness-Zentrum für Kunst umbauen lassen. Hier kommt man nur in ganz kleinen Gruppen rein, man kann an Meditationen teilnehmen, Gongbäder nehmen, in noch kleineren Gruppen an einem eigens für Sie in China angefertigten Tisch sitzen, sich von den duftenden Düften asiatischen Baumharzes fächeln lassen und perfekt beleuchtete Khmer-Skulpturen, siehe kaiserliche chinesische Möbel und Fotografien von Nobuyoshi Araki.

Es gibt sogar einen unterirdischen Grundwassersee hinter dicken Glasscheiben. Es ist nicht nur der Ruhepool für den Kollektor, sondern spendet auch Erdwärme für den Betrieb der Wärmepumpe, die das Haus zu einem „grünen Gebäude“ macht. Coronabedingt mit dreijähriger Verspätung öffnet das Seidenzimmer endlich zur Berlin Art Week. Hinter dicken schwarzen Seidenvorhängen soll zeitgenössische Kunst asiatischem Kunsthandwerk gegenübergestellt werden, so wie es Feuerle in den 1990er Jahren in seiner Kölner Galerie tat.

Zum Auftakt Edmund de Waal (bis Ostern 2023): Der englische Schriftsteller, Töpfer und Installationskünstler hat eigenhändig arrangierte Porzellangefäße, transluzente Alabasterplatten und Goldplättchen zu minimalistischen Objektensembles verarbeitet. Sie spiegeln wider, was Feuerle auch an den wohlproportionierten Kultgeräten aus Burma und einem Intarsien-Schreibgeräte-Notizbuch aus China begeistert, was er hinzufügt: die erhabene Präsenz der Sache selbst. Markus Wöller

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