Freitag, August 19, 2022

Niederknien auch für Atheisten

UUnd was hat Nick Cave in der Pandemie getan? gelernt, Mundharmonika zu spielen. Das fehlte noch in seinem Sortiment. Entgegen einem gegenteiligen Vorurteil ist der Rock’n’Roll nicht tot. Dem kaufmännischen Zeitgeist folgend, hat es sich nur gefestigt. Die kleinen Tiere sind verschwunden, was bleibt, sind die großen Konglomerate, die wie Abba notfalls auch als Avatare auftreten. Die Stones spielen bald hier in der Berliner Waldbühne, beim Abschlusskonzert ihrer Welttournee, dem ersten ohne Charlie Watts, das für ihre Verhältnisse fast schon ein intimer Club-Gig vor 22.000 Zuschauern ist.

Nick Cave and the Bad Seeds füllen auch das glorreiche Amphitheater neben dem Olympiastadion. Es ist eine Art Heimspiel; Der gebürtige Australier Cave lebte länger hier, in der Dresdner Straße am Kotti, immer noch ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt für Nachtschwärmer dank alkoholischer Institutionen wie dem Würgeengel. Er komponierte seinen Song „The Mercy Seat“, fünf Minuten pure Energie, hier, in einer superinspirierten Zeit namens Jugend.

Cave grüßt Berlin an diesem Abend ein paar Mal und gibt sich Mühe, es wie ein Einheimischer auszusprechen, was mehr oder weniger funktioniert. Einmal lässt er sich zu einem für seine Verhältnisse längeren Exkurs hinreißen, in dem er verkündet, Berlin sei am schönsten, wenn es „fucked up“ sei. Berliner, die schon lange unter der immer ungebrocheneren Schönheit ihrer Stadt leiden, zumal sie mit immer höheren Mieten einhergeht, grölen und heben zustimmend ihre Plastikbecher Bier für neun Euro (inklusive Pfand).

Was also hat Nick Cave and the Bad Seeds zu bieten? Punk wie die Sex Pistols, Balladen wie traurige Balladensänger, religiöse Ekstase wie Depeche Mode, Eleganz wie Bryan Ferry, Erbauung und Quasi-La-Ola-Kitsch wie, naja, eigentlich genauso wie Nick Cave. „Get ready to love“, singt diese seltsame Person zu Beginn. Man kommt nicht umhin, ihn einen Schmerzensmann zu nennen, egal wie sehr es in den Fingern schmerzt, die diese Buchstaben selbst tippen, denn es ist meist ein bedeutungsloses Wörtchen in Übertreibung – aber bei Cave ist es hundertprozentig wahr. Man könnte sagen, es ist wie auf ihn zugeschnitten, wie seine Uniform aus einem dunklen Anzug mit Weste über einem weißen Hemd mit einem Karl-Lagerfeld-Erinnerungskragen und monströsen Manschetten.

Um sieben Uhr warf er sich im Grabesgewand in eine Erlöserpose – die Sonne stand noch hoch und bissig am Himmel. Ist er vielleicht doch ein Vampir, nur einer, der gegen das tödliche UV-Licht gut eingecremt ist? „Bumm, bumm, bumm“, ruft er und klopft sich manchmal dreimal in wiederholten Gesten mit dem Mikrofon an die eigene Brust. Darin, will er sagen, schlägt ein glühendes Herz. „Weinen, weinen, weinen“, fügt er an diesem schönen Sommerabend meistens mehrmals hinzu, egal welches Lied er singt. Gefolgt von „Die ganze Nacht“. Es ist vielleicht nicht das richtige Wetter für Alpträume, aber Nick Cave ist ein Weltstar, das heißt, er kann es bei Bedarf mit der Sonne aufnehmen.

Andererseits liegt ihm das Spielen unter freiem Himmel sehr am Herzen. Sein höchstens halbweltliches Priestertum, die evangelische Seelenpeitschung, die er mit der Kraft und Ausdauer eines Derwisch vollzieht, kommt erst vor einem kosmischen Hintergrund zur Geltung, der sich vom Bühnendach bis ans Ende des Universums erstreckt. „Es gibt einige Leute, die versuchen herauszufinden, warum“, sagt das Lied „Hand of God“, das er gleich aufführen wird, „Es gibt einige Leute, die nicht versuchen, irgendetwas zu finden, außer diesem Königreich im Himmel.“ Er, er will wohl andeuten, gehört zu letzteren, zu denen, die ihr Heil im Glauben suchen.

Das allein wäre schwer zu ertragen, besonders für die religiös Unmusikalischen unter den 22.000. Aber Cave kontrastiert die christliche Ekstase mit brutalem Geballer und obszönen Explosionen. Der Sound ist so nah an der Lärmgrenze, dass selbst ein Neil Young Mühe hätte, mitzuhalten. Das würde im Vatikan nicht funktionieren.

Das verdankt das Publikum einerseits dem ungestümen Cave, andererseits mindestens ebenso dem multiinstrumentalen Spiel des struppigen Rumpelstilzchens Warren Ellis, der bedenkenlos von der Geige über die E-Gitarre zum wackeligen Schoß wechselt Klaviatur. Die Geräusche, die er jedem Gerät entlockt, sind selbst für Atheisten knietief. Ein Highlight, das allein schon die Pilgerfahrt wert war: der „Higgs Boson Blues“ aus dem Jahrhundertalbum „Push the Sky Away“. Gleiches gilt für den Song „Jubilee Street“, den Sie sich an gleicher Stelle anhören können.

Vor einigen Wochen gab die internationale Presse den Tod von Caves erstgeborenem Sohn bekannt. Ein anderer stürzte vor ein paar Jahren auf tragische Weise von einer Klippe in Caves Wahlheimat Brighton. An diesem Abend verliert der Sänger kein Wort darüber. Was sollte er sagen? Tatsächlich begann er vor dreißig Jahren, sich mit dem Ende von allem auseinanderzusetzen, es ist das Thema seiner Arbeit. Wie es im großartigen „The Mercy Seat“ heißt: Auge um Auge und Zahn um Zahn, ich habe sowieso die Wahrheit gesagt, und ich habe keine Angst vor dem Tod. Gänsehaut bei 26 Grad.

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