Dienstag, August 9, 2022

Sie waren bei „Elvis“. hat geweint

Baz Luhrmanns Elvis-Biopic dauert 159 Minuten. Und ich habe fast die ganze Zeit geweint. Allerdings habe ich Luhrmanns „Romeo + Julia“ mehr oder weniger durchgeweint: 113 Minuten. Das sind viele Tränen.

Beide Filme handeln von einer unmöglichen Liebe, die nur tragisch enden kann. William Shakespeares „Star-Cross’d Lovers“ scheitern am Hass auf die Alten. Der Star Elvis Presley scheitert an der Liebe selbst. Er braucht die falsche Liebe des Publikums, er opfert ihr alles – am Ende sich selbst.

Und wie Shakespeare – übersetzt von Thomas Brasch – im Vorwort zu „Romeo und Julia“ sagt: „Wenn du unser Stück zwei Stunden lang ansiehst, / kann es sein: Dann weißt du mehr, es kann sein: Nicht viel.“

Luhrmann erzählt uns nichts, was wir seit Albert Goldmanns Biografie von 1981 nicht gewusst hätten. Ja, er sagt uns weniger. So wird die latente Bisexualität ausgeblendet, die einen Teil von Elvis‘ Faszination speziell für Männer ausmachte. Wie alles, was nicht klar definiert ist, ist es nicht definitiv.

Luhrmann liebt Knalleffekte. Und der Film liefert – vor allem in der ersten halben Stunde – Knalleffekte im Dutzend. Die tausendfach erzählte Geschichte, wie ein Kind aus dem „White Trash“ Gospel und Blues, Country und Rock’n’Roll, Schwarz und Weiß mischte und damit der unterdrückten Sexualität einer ganzen Generation weißer Kinder ein Ventil schuf einerseits und die Rassentrennung andererseits brachten den Zusammenbruch.

Schließlich ist es der Gründungsmythos nicht nur des Rock ’n‘ Roll, sondern des Amerikas, gegen das Donald Trump und seine Anhänger Krieg führen. Luhrmann bestätigt die Geschichte, überspitzt sie mit grellen Bildern, überzieht Gitarren und Stimmen nicht mit der Patina der 1950er, sondern lässt sie sehr modern klingen, als würden wir diesen Kulturkampf hier und jetzt erleben. Was wir tun

Nach den explosiven Anfangsjahren und -szenen muss alles, was kommt, wie ein Abstieg erscheinen: der Militärdienst, der Elvis vom Rebellen zum Vorbild hinabsteigen ließ; die Hollywood-Jahre, als er Billigfilme über Billigfilme drehte und sich masochistisch als Narr hinstellen ließ; das triumphale schwarze Leder-Comeback im Revolutionsjahr 1968.

Und dann der dritte Abstieg, diesmal zum Las-Vegas-Star, der immer dicker wurde; das Scheitern der Ehe, die Geldprobleme, die Drogensucht, der einsame Tod auf der Toilette kurz vor einer Tournee, die noch einmal „die Beste“, „die Größte“ werden sollte und auf der nur die alten Hits wiederverwertet wurden Ein Mann wäre längst zu einer strassbesetzten Karikatur seiner selbst geworden.

Wie konterkariert ein Film diese unaufhaltsam todbringende Dramaturgie des wirklichen Lebens? Um es vorwegzunehmen: Auch das kann Luhrmann nicht. Der Film ist eindeutig zu lang. 120 Minuten hätten es auch getan.

Aber Luhmann greift zu einer dramatischen Finte, indem er Colonel Parker, Presleys Manager und spätestens seit Goldmanns Enthüllungen der Bösewicht der Geschichte, die ganze Geschichte erzählen lässt. Tom Hanks spielt den Einwanderer aus den Niederlanden, der – vielleicht auf der Flucht vor der Polizei – seinen Namen änderte, staatenlos blieb und die hohe Kunst erlernte, Träume an die Öffentlichkeit zu verkaufen und auf dem Rummelplatz und im Zirkus so zu tun, als würden Träume erfüllt.

Und Hanks spielt den alten Gauner wunderbar. Luhrmanns These lautet: Parker hat Elvis immer nur als Hype-Attraktion gesehen und nie als Kulturrevolutionär ernst genommen. „Wir sind gleich“, sagt Hanks zu seinem Schützling: „Wir wollen die größte Show der Welt inszenieren.“

Gegen Mephisto Hanks – dessen Gesicht mit dem Erfolg des Films dank Prothesen anschwillt und dann zusammenbricht – setzt Luhrmann diverse Figuren, die Elvis ermahnen, sich selbst treu zu bleiben: seine Mutter, schwarze Musiker wie BB King, seine Frau Priscilla, die Produzentin der Comeback-Show Steve Binder.

Aber man fragt sich, ob ein Entertainer wie Elvis überhaupt ein Selbst hat, dem man treu bleiben muss; wenn er überhaupt eine Rolle abseits der Bühne hat. Die Vorstellung eines „echten“ Elvis, der zu seinen musikalischen Wurzeln zurückkehrt, ist nur eine weitere – wohl eher männliche – Projektion und nicht wahrer als die sexuellen Fantasien weiblicher Fans.

Elvis selbst hingegen vermittelte mit seinem süffisanten Lächeln, seiner gespielten Naivität und seinem subtilen Humor stets das Gefühl, sich selbst durchschaut zu haben. Aber vielleicht ist das nur eine Projektion.

Hier müssen wir endlich – und endlich – von der Hauptfigur sprechen. Austin Butler ist gut darin, die Bewegungen des King of Rock and Roll zu imitieren, aber jetzt kann es jeder halbwegs versierte Elvis-Imitator: ein ehrwürdiger Beruf, der vielen Menschen Geld einbringt, ironischerweise nicht zuletzt auf der Messe, auf der Parker sein Handwerk erlernte.

Was Butler überhaupt nicht hat, ist der abgrundtiefe, gefährliche, selbstironische Charakter des Königs, von der Tragik ganz zu schweigen. Butler ist der nette Junge von nebenan. Elvis war kein netter Junge. Butler ist hübsch. Elvis war schön. Butler stammt aus einer Generation, die Popmusik ganz nett findet. Elvis stammte aus einer Generation, für die Musik genauso wichtig war wie Religion.

„Jailhouse Rock“ ist nicht nur ein Song, es ist ein Manifest. Eine Hymne. Du kannst diese Lebensweise nicht spielen. Jedenfalls kann Butler das nicht. Vielleicht habe ich deshalb geweint.

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