Dienstag, Oktober 4, 2022

So ist Ulrich Seidls umstrittener Film „Sparta“ wirklich

Der Skandal um „Sparta“, den neuen Film des österreichischen Filmregisseurs Ulrich Seidl, kam nie zustande: Bei der Weltpremiere des Wettbewerbsfilms beim San Sebastián Film Festival gab es heftigen Applaus, teils Standing Ovations und keinen einzigen Buh-Rumpf. Das Team um den Wiener Regisseur muss aufatmen – dabei war die Premiere im Baskenland keineswegs normal, sondern in vielerlei Hinsicht besonders.

Am Vortag hatte Seidl seine Reise nach San Sebastián und damit die eigentlich nach jeder Wettkampfpräsentation stattfindende Pressekonferenz abgesagt. Kein einziges anderes Teammitglied – weder Schauspieler noch Koproduzenten beantworteten die Fragen der Journalisten – offenbar sind sie davon überzeugt, dass ihnen jede Stellungnahme zu den heftig umstrittenen Vorwürfen nur unnötige Aufmerksamkeit verschafft und dass man dieses Feuer nicht löschen kann, aber hat Ausbrennen. Das kam nicht bei allen gut an: Ein spanischer Filmkritiker kommentierte: „Seidl weigert sich, seinen Film zu verteidigen. Das kann ich nicht verstehen.“

Denn immer noch werden Vorwürfe laut, Seidl habe die beteiligten rumänischen Jugendlichen falsch behandelt und seine Aufsichtspflicht verletzt. Das Toronto Film Festival ließ „Sparta“ daraufhin aus seinem Programm streichen; Offenbar hatte er die Vorwürfe der Drehbeteiligten satt, der Regisseur habe Kinder ausgenutzt und ihre Eltern nicht ausreichend über den Inhalt der Handlung aufgeklärt.

Auf der anderen Seite erklärte José Luis Rebordinos, der Regisseur von San Sebastián, dass er den Film auf jeden Fall zeigen wolle: Ein bereits eingeladener Film werde nur dann aus dem Programm genommen, wenn er von einem Gericht verboten werde. Sparta“ enthält nichts, was als Verbrechensdarstellung angesehen werden könnte.

Im Baskenland, das während des Franco-Regimes schmerzhafte Zensurerfahrungen machen musste, ist man traditionell sehr zurückhaltend gegenüber allem, was auch nur annähernd nach Einschränkung der Kunstfreiheit klingt. Auch Dokumentarfilme über ETA unter Polizeischutz wurden hier gezeigt.

Seidl, der alle Vorwürfe zurückweist, begründete seine Absage des Besuchs am Samstag so: „Ich bin José Luis Rebordinos sehr dankbar, dass er ‚Sparta‘ von Anfang an zur Seite stand, trotz des medialen Drucks und trotz der großen Turbulenzen, die plötzlich folgten. Das bedeutet mir sehr viel.“ Der erste Impuls, nach San Sebastián zu kommen, war, den Film, an dem mein Team und ich so viele Jahre gearbeitet haben, nicht aufzugeben, aber mir wurde klar, dass meine Anwesenheit bei der Premiere die Rezeption des Films überschatten könnte , während es jetzt an der Zeit ist, dass ‚Sparta‘ für sich selbst spricht.“ Sparta“ gezeigt wird?

„Solch a day, as wonderful as today…“ – gleich in der ersten Einstellung des Films versucht eine Gruppe scheinbar dementer älterer Menschen mehr als zu Recht, dieses Lied zu singen. Die wohlkomponierte, symmetrische, latent saubere Kameraeinstellung kennt man aus allen Seidl-Filmen, die Kulisse des Altersheims kennt man bereits aus Seidls letztem Film „Rimini“, der im Februar auf der Berlinale Premiere feierte.

Beide bilden ein Tandem, sie handeln von zwei Brüdern und ihrem Vater, einem Bewohner des Altersheims, gespielt vom vor fünf (!) Jahren verstorbenen Hans-Michael Rehberg in seiner allerletzten Filmrolle.

Kurz darauf fährt sein Sohn Ewald (Georg Friedrich) nach Siebenbürgen und übt im Auto mit Kassetten Rumänisch. Was der Mann eigentlich macht, weiß man erst am Ende des Films. Sie können sehen, dass er eine rumänische Freundin hat. Im Bett klappt es nicht, und ansonsten fühlt er sich in ihrer Gegenwart ziemlich unwohl.

Es ist eine großartige Leistung von Friedrich, da er einen hypernervösen, angespannten Mann spielt, der offensichtlich ständig mit sich selbst hadert. Entspannung findet er nur in Gegenwart von sechs- bis vierzehnjährigen Jungen. Erst nach und nach wird klar, dass er sie auch sexuell begehrt.

Bald kauft er eine leerstehende Dorfschule und verwandelt sie in ein Jugendlager namens „Sparta“, wo er zwei Handvoll männlicher Kinder Zuflucht gewährt, ihnen Judo beibringt, Zeit mit ihnen verbringt, ihnen aber nie auf die falsche Art und Weise nahe kommt.

Was man im Nachhinein – auch als Autor dieses Textes – kaum simulieren kann, ist, wie wir diesen Film gesehen hätten, wenn es die Vorwürfe im Raum nie gegeben hätte? Wir wären wahrscheinlich noch viel überraschter, vielleicht sogar schockierter über das eine oder andere.

Jetzt überwiegt vorerst eine enttäuschte Skandalerwartung. Denn „Sparta“ ist viel ruhiger und viel humanistischer und viel weniger provokativ, als man vielleicht erwartet hätte. Auch hier ist die „Altersmilde“ des (69-jährigen) Regisseurs erkennbar, die manche schon bei „Rimini“ anmerkten.

In dem Film ist kein Missbrauchsakt zu sehen, noch wird er angedeutet. Vielmehr ist die Figur des Ewald einer jener Pädophilen, die allen Widrigkeiten zum Trotz mit Disziplin und Willenskraft ihren Trieb im Zaum halten und ihn einfach nicht ausleben.

Gleichzeitig wird deutlich, dass Pädophilie nicht im Mittelpunkt des Films steht. Vielmehr geht es in „Sparta“ um die Gewalt der Väter. Die Handlung in Rumänien wird immer wieder von kurzen Szenen unterbrochen, in denen Rehbergs Figur Nazi-Lieder singt oder aus Hitlers Reden zitiert. Die gewalttätige Erziehung dieses vom Faschismus geprägten Vaters prägte seine Söhne fürs Leben.

Man kann „Sparta“ sogar so verstehen, dass man die Pädophilie des Sohnes als Folge einer traumatisierenden Erziehung sieht. In diesem Film geht es keineswegs um Sympathie für Pädophilie, es geht darum, eine Männergewerkschaft zu zeigen, die Gewalt von Männergewerkschaften, aber auch die Gefühle, die in Männergewerkschaften erlaubt und möglich sind.

Wenn man diesem Film etwas vorwerfen will, dann höchstens, dass er als einzig wirklich Positives an dem Film einen pädophilen Charakter zeigt. Denn Ewald ist der Einzige, der sich um die Jungs kümmert; Er versucht, den Kindern, von denen einige zu Hause missbraucht werden, gegen ihre Familien zu helfen – genau das ist es, was seine Eltern dazu bringt, ihn zu hassen.

Keine Frage, dieser Film ist eine Gratwanderung. Aber das liegt mehr an seiner Geschichte als an seinen Produktionsbedingungen. Wenn man das einem Film überhaupt ansieht, haben die beteiligten Kinder Spaß an den Filmszenen. Unabhängig von Qualität und Wirkung des Films muss nun geklärt werden, was es mit den Vorwürfen auf sich hat.

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