Dienstag, August 16, 2022

Symbol für Höflichkeit und Manieren


„Immer diese ermüdenden Biografien“, schmeichelt William Cohn in der Selbstbeschreibung seiner Website übertrieben neugierig, bevor er mit einem Zitat schließt, das ihm zu gefallen scheint: „Ein Gentleman, der fast zeitlos ist“. Das ist alles, was man über ihn wissen muss. Da kommt Wiener Understatement von einem Mann, der durch seine Bescheidenheit immer ein wenig hintergründig wirkt.

In Kolumbien geboren und in Österreichs Hauptstadt aufgewachsen, arbeitete Markus Kühne als Kind einer Musikerfamilie in der Immobilienbranche. Doch als fast zeitgleich seine Firma bankrott ging, seine Ehe zerbrach und seine Schwester starb, nahm er das zum Anlass für einen Neuanfang.

Kühne studierte Schauspiel und Gesang von Sankt Petersburg bis Los Angeles, nahm den Namen William Cohn an, angeblich von einem jüdischen Vorfahren entlehnt. Und dieser Name passte so gut zu ihm, dass man Markus Kühne im Nachhinein wahrscheinlich mit der schwerfälligen und nicht ganz authentischen Kunstfigur verwechseln könnte.

So startete er mit Mitte Vierzig noch einmal als Sprecher, Schauspieler und Musiker durch und wurde zum sensiblen, liebenswerten Onkel, in den sich Fernsehdeutschland verlieben sollte.

Bekannt ist er als Waffenhändler Kaspar im Musical „Ludwig²“, das er 600 Mal aufführte. Oder als Zuniga in Bizets Carmen. Noch bekannter, vor allem einem jüngeren Publikum, war William Cohn als Sidekick von Jan Böhmermann. In seiner Talkshow mit Charlotte Roche moderierte er zunächst die Gäste, dann wurde er zum Co-Satiristen des Neo Magazine Royal befördert.

Dort durfte er Fußball, Sex und das Internet erklären, immer mit der perfekten Balance aus fein und grob. Mal amüsierte er sich mit klassischen Webvideos, dann versprach er zu verraten, „woher die alleinerziehenden Mütter, die auf den Erotikseiten ficken wollen, wissen, aus welcher Region man kommt“.

Vor allem die jungen Zuschauer liebten ihn. Nicht, weil er ihnen nachgeholfen hätte. Der Mann mit der Hornbrille und dem hässlichen Pullover wurde zur Internetkultur, weil er nicht vorgab, im Internet zu sein. Er war offen für die jüngere Welt, ohne seinen Charakter aufzugeben.

Das merkt auch Francesco Giammarco an, der Cohn 2018 zu seinem umfangreichsten Interview eingeladen hatte. Auch hier stellt sich sofort die Frage: Ist das eine Kunstfigur, die er uns im Fernsehen präsentiert? Sollte so jemand nicht wirklich normal sein?

Sie streiten über die Höhe des Sturzes, reden über Höflichkeit und Witz, Stil und Wien und stellen schließlich fest, Cohn könne niemandem etwas vormachen. All das ist Sozialisation, mit der er dem Leben begegnet.

Sozialisation, die er im selben Jahr mit dem satirischen Ratgeber „Cohns gute Manieren: Elegant durch alle Lebenslagen“ festhielt. Er erklärte mit einem Augenzwinkern, warum sein Stil nicht zu „Chabos in anpassungsbedürftigem“ passte, gab aber auch einen für einen Satiriker erfrischend unzynischen Einblick in seine Lebensphilosophie.

Schließlich war Cohn vor allem ein Verfechter des guten Zuhörens. Immer auf der Suche nach guten Gesprächen, ob mit der Kellnerin, dem Fan oder allen Kollegen, immer auf der Suche nach einem guten Buch oder einem guten Theaterstück.

Cohn war eine Anekdotenbank voller Geschichten und Allgemeinwissen. Jan Böhmermann beschreibt ihn in einem Nachruf als „großzügig“, „liebevoll extravagant“ und „wunderschön barock“. William Cohn wird also eher als radikaler Charakter in Erinnerung bleiben als wegen seiner komplexen und aberwitzigen Arbeit.

Als Symbol für Höflichkeit und Umgangsformen, ein Vorbild dafür, Enthusiasmus zu zeigen und seinen Mitmenschen volle Aufmerksamkeit zu schenken. Oder um es mit seiner persönlich wichtigsten Verhaltensregel auf den Punkt zu bringen: „Sei nett zu anderen Menschen“.

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