Freitag, August 19, 2022

Unser Kampf gegen Antisemitismus light

Mden Juden wird hierzulande, in dem Land, das den Massenmord geplant und durchgeführt hat, viel zugemutet: ihre Ängste werden heruntergespielt, oft sogar als „Hysterie“ abgetan. Ihre Warnungen werden mit dem Hinweis beiseite geschoben, dass es heute schlimmere Diskriminierungen gebe und dass virulenter Judenhass der Vergangenheit angehöre oder nur noch rechtsextrem lokalisiert sei. Ihr Trauma wird überhöht, mit dem Wunsch „endlich einen Schlussstrich zu ziehen“ eingeebnet, ihre Trauer dadurch würdelos, das einzigartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch krude Vergleiche relativiert.

Und die blumige Kultur des offiziellen politischen Deutschlands mit seinen Sonntagsparolen „entschlossen widerstehen“, „den Anfängen widerstehen“, mit aller Härte des Gesetzes“ und „kompromisslos gegen jede Form von Antisemitismus“ kann nur wie Hohn klingen, da die Versprechungen und Beschwörungen einer Realpolitik, die nicht alles tut, Antisemitismus nicht konsequent und ausnahmslos bekämpft.

Anstatt ernsthaft und effektiv etwas zu tun, kultiviert man bei jedem Skandal eine ad hoc Betroffenheit, die schnell wieder abgelegt wird. Das politische Geschäft geht weiter und die Bekämpfung des Antisemitismus steht nicht weit oben auf der Tagesordnung. „Antisemitismus bekämpfen light“ bestimmt das politische Geschehen: Mobber und Extremisten, Rechtspopulisten und islamistische Hassprediger als antisemitisch zu kritisieren, stößt kaum auf Widerstand und lässt sich als bequemer Konsens bedienen. Denn Antisemiten sind immer die anderen, das sind die aus dem anderen politischen Milieu. Passen Sie im eigenen Kreis einfach nicht auf und verprellen Sie Ihren Partner nur nicht mit Kritik.

Seit Jahren ist zu beobachten, dass der Mitte und auch vielen Medien das Gefühl für die Brisanz und das Gift gewisser Äußerungen abhanden gekommen ist. Es fehlt das Bewusstsein dafür, was Sprache bewirken kann, und die Sensibilität für die Gefühle der Opfer und Angehörigen der Opfer.

Deutschland leistet sich die unerträgliche Leichtigkeit der Vergangenheitsbewältigung, die ohne große Schmerzen und ohne großen Aufwand betrieben werden kann. Es ist so einfach und so bequem, Judenhass in eine große Kiste zu packen mit allem, was mit Feindseligkeiten zu tun hat. Die gemeinsame Sammelkategorie „Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit“ mit dem Oberbegriff „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ ermöglicht eine leichte Aufklärung mit einer weichen Definition von Antisemitismus.

Das schließt die lange Kulturgeschichte aus und macht den Umgang mit antijüdischen Taten leicht zu pflegen. Alles ist Völkermord, alles ist Kolonialismus, alles ist weiße Vorherrschaft. Alles weicher. Außerdem muss man sich für die Vergangenheit nicht besonders schämen, denn jedes Land ist irgendwie fremdenfeindlich und aggressiv, oder? In Deutschland erhebt man sich über seine besondere Verantwortung (auch wenn diese bei jeder Gelegenheit zur Sprache kommt) und verschweigt die Singularität des Judenhasses.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen gilt vielen als besonders gelungen. Seit einigen Jahren wird sogar vermehrt die vermeintlich „vorbildliche Aufarbeitungspolitik“ Deutschlands zitiert. „Von den Deutschen lernen?“ Was genau soll man von den Deutschen lernen, die sechs Millionen Juden kaltblütig ermordet haben?

Dass sie „Meister des Todes“ im Morden waren, wie Celan es in seiner Todesfuge ausdrückte? Dass sie sich nach 1945 mehr als zwei Jahrzehnte hartnäckig dagegen gewehrt haben, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch nur anzusprechen, geschweige denn aufzuklären? Dass sie immer noch davor zurückschrecken, ernsthaft gegen den sich immer weiter ausbreitenden Alltags- und Kulturhass gegen Juden vorzugehen, dass sie mit den Schultern zucken und ihrem Desinteresse frönen, anstatt sich zu solidarisieren? Dass es nie möglich war, eine tiefe, einfühlsame Empathie für das Ausmaß des Leidens zu entwickeln?

Dass sie es am Ende den Juden in Deutschland, also den Nachkommen der Opfer, überlassen, ernsthafte Warnungen auszusprechen? Dass sie diese Mahnung als Zumutung empfinden? Dass sie noch nicht verstanden und weder kognitiv noch emotional verinnerlicht haben, dass die Zerstörung jüdischen Lebens auch ein Teil der Zerstörung der kulturellen Integrität Deutschlands und Europas ist, sowie der Verlust des Glaubens an die Prinzipien der Aufklärung und Menschlichkeit und keineswegs nur individuell und insbesondere die kleine jüdische Minderheit, sondern die Menschheit allgemein betraf? Dass sie nicht wussten, wie ein lebenswichtiges Stück Deutschland für immer zerstört wurde?

Ihr Verkennen, dass Erinnerung nur gemeinsam eine Zukunft hat und nicht in eine jüdische und eine nichtjüdische Erinnerungskultur geteilt werden darf? Das alles können wir in der Tat von den Deutschen lernen!

Insgesamt verharrt die deutsche Gesellschaft zu sehr im Wohlfühlgewohnheiten und sagt, es sei genug getan. Zu „viel Erinnerungskultur“, heißt es nun, könne womöglich sogar judenfeindliche Gefühle entfachen. Das Wissen der Wissenschaft und das der Gesellschaft stehen sich diametral gegenüber. Kognitiv entspricht dem wahrgenommenen Zuviel ein Zuwenig, denn Umfragen zeigen seit Jahren, dass das Wissen über jüdisches Leben und jüdische Geschichte rudimentär und begrenzt ist. Gerade weil so viele Deutsche nichts aus der Vergangenheit gelernt haben, kommen jetzt die alten Gespenster aus allen Kellern mächtig ans Licht.

Weder Prävention durch Aufklärung noch Repression durch Verbote und Gesetze reichen im Kampf gegen Antisemitismus aus. Sie sind keine Instrumente, um das geistige Gift aus der Gesellschaft zu vertreiben. Notwendig ist ein inneres Umdenken in der Zivilgesellschaft, das nicht nur der kognitiven, sondern auch der emotionalen Intelligenz folgt. Dies setzt voraus, dass Gefühle wie Empathie und Identifikation ausgebildet und verinnerlicht werden. Ohne diese emotionale Dimension der gemeinsamen Erinnerung gibt es keine gemeinsame Zukunft. Scham, die als Belastung abgelehnt wird, spielt hier eine entscheidende Rolle. All jene, die auf Augenhöhe interreligiösen Dialog führen, Verantwortung leben, haben das längst verstanden.

Scham muss nichts Peinliches und Destabilisierendes sein, wenn man einmal versteht, dass Verantwortungsbewusstsein Teil moralischer Größe und Integrität ist. Scham als positives und stabilisierendes Gefühl für das Selbstbewusstsein und das kollektive Gedächtnis. Das Eingeständnis, dass Menschen anderen Menschen unvorstellbar Schreckliches antun können und dass man gegen diese Ungerechtigkeit vorgehen muss, um eine menschenwürdige Gesellschaft zu erhalten und in den Spiegel schauen zu können, das ist keine Schwäche, das ist Menschlichkeit und Menschsein der beste Sinn des Wortes.

Doch ohne diese emotionale Einsicht und eine gemeinsame Erinnerung bleibt die jüdische Trauer immer einsam.

Dieser Text bietet Auszüge aus „Die Einsamkeit jüdischer Trauer und warum der Bundestag hätte weinen sollen“, erschienen in Monika Schwarz-Friesels 2022 erschienenem Buch „Giftige Sprache und psychische Gewalt. Wie antijüdische Denk- und Gefühlsmuster unsere Kommunikation seit Jahrhunderten prägen„, herausgegeben von versuchen.

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