Dienstag, August 9, 2022

Von Popeln und Pornos

KKörperflüssigkeiten, das weiß der namenlose „Rotzbub“ schon im Mutterleib, bergen die wahren Geheimnisse des Lebens, deshalb heißen sie: Sekrete.

Noch nicht einmal geboren, spielt der kleine Österreicher schon mit seinem Zupferl und genießt es, wenn er mit seinen Händchen auf Mutters Bauch trommelt: Das ergibt ganz interessante rote Farbverläufe! Nach dem lästigen Auf die Welt kommen mit einer riesigen Brust präsentiert zu werden, ist auch ganz nett. „Dö Mannsbilder san eh olle gleich“, kommentiert die Hebamme die sofortige Beruhigung der Kleinen.

„Wer früher stirbt, ist länger tot“-Regisseur Marcus H. Rosenmüller schneidet zu Beginn seines ersten Animationsfilms (Co-Regisseur ist Animationsregisseur Santiago López Jover) vom unschuldig anzüglichen Kleinkind so direkt zum Schuljungen ein paar Jahre später, der beim Bleistiftlutschen in der Schule, dass der zentrale Erzählstrang keiner weiteren Erklärung bedarf: Vom weiblichen Körper zur Kunst, so geht das.

Ein Metzgergehilfe wird unter der Feder des rotzigen Jungen zum Pin-up, und das halbe erzkatholische Dorf wichst. Umgekehrt muss der Junge all seine Kunst – und auch so manche Scheiße – aufbringen, um die Liebe seines Lebens zu retten: Mariolina, die bezaubernd toughe Tochter eines Teppichhändlers, deren Familie von einem braunen Mob verfolgt wird.

„Welcome to Siegheilkirchen“ ist einerseits eine Künstlerbiografie der alten androzentrischen Schule, aber so frisch und anarchisch, dass es überraschend zeitgemäß Spaß macht. Wer jedoch die Zeitreise in die diskursive Vorhölle unternimmt, die manchen Zeitgenossen wie ein verlorenes Paradies erscheinen mag, sollte gegen Ekel resistent sein. Es gibt immer noch Wörter, die man heute in der Öffentlichkeit genauso wenig in den Mund nehmen sollte wie die eigenen Popel, und mangels höher dosierter Männerflüssigkeiten spritzt auch mal Pickel-Eiter durch die Gegend.

Dieser obszön humanistische Tanz basiert auf dem wirklichen Leben eines Mannes, der von klein auf genau hingesehen hat, wo es am schrecklichsten ist. „Willkommen in Siegheilkirchen“ erzählt vom Karikaturisten, Grafiker und Karikaturisten Manfred Deix (1949-2016), der nach dem Zweiten Weltkrieg in einem österreichischen Dorf aufwächst. Als Sohn guter Wirte, der seinem kriegsversehrten Vater an der Bar nur an die Hand geht, hört er den Gesprächen der einheimischen und zeitgemäßen Kneipenleute zu und scannt sie, wie sie dem „Führer“ nachtrauern, wie schlecht sie lästern „die Weiberleit“ und sowieso nie Trinkgeld geben.

Die ganze Melange aus Doppelmoral und Unterdrückungswut inspirierte Deix dazu, Monster in seinen Bildern zu erschaffen. Sie schaffte es auf die Titelseiten von „Titanic“ und „Spiegel“ und als „Deix-Figur“ sogar ins Lexikon. „Bestrafung muss sein“, fasste der Künstler einmal seine Motivation zusammen.

Wie so oft in Deix‘ Karikaturen bedarf es nur einer leichten Verschiebung des Alltäglichen ins Groteske, um das Skurrile zu erschaffen, das bis zum Erbrechen realistisch ist und doch etwas fast Rührendes an sich hat. Aus Böheimkirchen aus Deix‘ Kindheit wird Siegheilkirchen, und dort ist alles genauso schrecklich, wie es aussieht oder heißt. Der Friseur heißt Kurz und er glaubt es, der Klassenkamerad mit Pusteln heißt Wimmerl und der Schäferhund Blondi, der von der Polizei wegen Dummheit abgelehnt wurde.

Nicht nur unter dem steifen Filzhut der Bürgermeistersfrau wüten so manche geilen Fantasien, generell blättert man gerne im Pornomagazin „Tuttln“. Aber leider malt der Rotzjunge Frauen. Dann heißt es, er sei schuld an der Gehirnerweichung bei der männlichen Dorfjugend.

Produzent Josef Aichholzer, der den Film initiierte, sagt, sein Freund Deix habe die österreichische Gesellschaft kommentiert, „indem er Menschen im Alltag wegschaut“. Aber das Verdrängte kommt bekanntlich mit Macht zurück. Die Geschichte wird konsequent entlang der Linien der Dunklen Materie erzählt. „Fuck me“ ist für Klassenkameraden Grasberger (dumm wie Stroh) ein normaler Ausdruck des Erstaunens, wenn er zum Beispiel sieht, wie sich ein rotziges Daumenkino einer Frau auszieht. Geheime Wünsche und verborgene Talente drängen an die Oberfläche, und Wimmerl weiß, wie er mit den Aktzeichnungen seines Freundes Geld verdienen kann.

Deix, auf dessen Nachruf die „FAZ“ die Zeile „Suche das Gesicht Österreichs in deiner Unterhose“ setzte, wurde einst von Billy Wilder mit den Worten gepriesen, es gebe keinen größeren Psychoanalytiker der österreichischen Seele als ihn. Anscheinend lassen sich die Menschen in unserem Nachbarland recht gerne die braunen Spuren analysieren. Der erste abendfüllende Animationsfilm des Landes hat soeben den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie „Beliebtester Kinofilm“ gewonnen.

Der Künstler selbst hat das Drehbuch vor seinem Tod genehmigt, und mit dem Film scheint sein Werk, das mit einem Daumenkino begann, nun posthum zur Geltung zu kommen. Im Vergleich zu den Cartoons sind die Filmbilder nicht so glatt und sauber, wie man befürchten könnte, Rosenmüller und sein Animationsteam beleuchten das Hässliche mit großer Sorgfalt. Die Frau in seinem kindlichen Daumenkino-Striptease habe er auf dem letzten Bild übrigens in der Unterhose gelassen, sagte Deix einmal, weil er einfach nicht wisse, wie es darunter aussehe.

Neben einer Coming-of-Age-Geschichte ist „Willkommen in Siegheilkirchen“ vor allem eine Fabel über das Selbstbild einer Gesellschaft. Denn der Onkel des rotzigen Jungen, der schnittige Maler Neidhardt, soll das Rathaus mit einem neuen Wandbild schmücken. Das alte mit den bröckelnden Hakenkreuzen gehört auch ihm. „Schade um das alte Stadtbild“, schimpft der Friseur. „Es ist nur Farbe“, tröstet Neidhardt. Siegheilkirchen trägt seine Unveränderlichkeit im Namen, Opportunisten schaffen es hier ganz nach oben.

Auch die perfekt imitierten Sechzigerjahre-Kompositionen von Gerd Baumann („Dreivertelblut“) lassen eine alte Zeit wieder aufleben, es ist der Sound einer neuen Morgendämmerung von Pink Floyd und Jimi Hendrix. Verkörpert wird dieser Sound der Freiheit – so muss man es nennen, jede Figur wirkt so inspiriert – vom melancholischen Wirt der Bar „Jessy“, wo eine Jukebox steht und der rotzige Junge seinen ersten Rausch, seine erste Platte bekommt Spieler und sein erster Kuss. Ohne zur popkulturellen Karikatur zu werden, weiß der Film auch auf dieser Ebene von der Rettung eines Jugendlichen zu erzählen. Mit den wunderbar abgenutzten Stimmen von Adele Neuhauser und Erwin Steinhauer etwa werden die Charaktere nicht nur optisch jeglicher Süße entkleidet.

Auch die Moral der Geschichte ist ziemlich chaotisch zwischen Frieden und dem drohenden Gemetzel notwendiger Gewalt: Die Männer, die wissen, was wirklich der Anbetung würdig ist, nämlich Wein, Frau und Gesang, können sich besaufen und bekiffen, wie sie wollen. In der Welt von rosenmüllerumflorten Deix tun Sie genau das Richtige.

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