Samstag, August 20, 2022

Warum es falsch war, das Skandalbild zu entfernen

Hbei jemandem Künstlerkollektiv gesagt? Comic, Israel, Antisemitismus? Diese Wortfolge erinnert mich an eine Episode aus meiner Zeit als Redakteur von Jungle World. Die ziemlich linke und ziemlich pro-israelische Wochenzeitung pflegt noch immer die schöne Tradition, die Redaktion jeden Sommer für zwei Wochen ins Ausland zu verlegen, um dort eine Sonderausgabe zu produzieren. Einmal, vor fast zwanzig Jahren, sind wir nach Israel gefahren.

Unter den vielen Israelis, die wir für Gastbeiträge ansprachen, war das Comic-Kollektiv Dimona. Ihr Beitrag traf einige Stunden ein, bevor die Ausgabe an die Druckerei geschickt werden musste. Das Thema: Sie, die (linken) israelischen Comiczeichner und wir, die (linken) deutschen Journalisten. Wie einige von uns sie in Tel Aviv getroffen haben, wie wir sie bei der Gartenparty in unseren Bungalows bei Jerusalem empfangen haben… Aber sie hatten eine fiktive Szene in die Party eingebaut, in der einer der Animateure einen bekannten Witz über Juden machte und ein VW Käfer für immer sind. Die eigentliche Pointe jedoch zeigten die Gestalten um ihn herum: Israelis, die sich vor Lachen winden, dort vor Entsetzen erstarrte Deutsche.

Das war natürlich kein schlechter Geschmack über ermordete Juden, sondern ein Witz über lebende Deutsche. Es ist sehr interessant, wie junge Israelis, die aus ähnlichen Verhältnissen kamen wie wir, respektlos mit dem Holocaust umgingen und gleichzeitig eine Grenze zwischen den Nachkommen der Täter und den Opfern zogen. Aber könnten wir das drucken?

Nicht ohne weiteres. Gegen einen saftigen Aufpreis wurde die Frist verlängert, und statt eines entspannten letzten Abends gab es eine hitzige Diskussion: Was tun? Müssen Sie drucken, weil wir hierher gekommen sind, um israelische Perspektiven aufzunehmen? Weil wir kein Recht hatten, jüdischen Künstlern den richtigen Umgang mit dem Holocaust beizubringen? Auf keinen Fall drucken, denn das würde uns eine fremde Perspektive geben? Weil dieser Witz eine womöglich vertretbare Verhöhnung der Opfer der Shoah bedeutete? Und könnten wir – für mich entscheidend – dem Holocaust-Überlebenden und Kolumnisten der „Letzten Naies“, der letzten jiddischsprachigen Zeitschrift des Landes, den ein Kollege porträtiert hatte, guten Gewissens ein Belegexemplar mit einem Witz über Juden zusenden der Aschenbecher?

Schließlich baten wir die Künstler um Erlaubnis, die problematische Stelle zu vertuschen. Zu unserer Überraschung weigerten sie sich nicht empört. Sie wollten uns weder eine geben, noch waren sie entschlossen, ihre Botschaft loszuwerden. Es war nur ein kleiner Gag. Schließlich erschien der Streifen mit einem Stempel über der betreffenden Sprechblase, mit der Aufschrift „Zensur“ in gotischen Buchstaben.

Was hat das mit dem Antisemitismus-Skandal auf der Documenta 15 und dem inzwischen entfernten Wimmelbild „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi zu tun? Ich meine: ziemlich viel – wobei dieses Bild zwar comichaft, aber nicht humorvoll ist und es einen großen Unterschied macht, ob sich Nachkommen der Holocaust-Opfer über Deutsche lustig machen oder ob Juden als Chiffre für das Böse benutzt werden.

Vor allem zeigt die Anekdote, wie unzuverlässig die identitätspolitische Kategorie der „Betroffenen“ ist. Nur wenige Überlebende hätten den spielerischen, anarchischen Umgang der Dimona-Künstler mit dem Holocaust gut gefunden, und nicht alle Angehörigen der Enkelgeneration hätten Spaß an solchen Scherzen.

Anders als in der Rede von „Betroffenen“ angenommen wird, ergeben sich aus dem Erlebten weder unmittelbar Gefühle noch politische oder ästhetische Urteile; zwei Personen mit nahezu identischen Erfahrungen können dieselbe Situation völlig gegensätzlich bewerten. Der Appell, die Meinung der „Betroffenen“ zum Maßstab zu nehmen, dient meist nur als autoritäre Diskursfigur. Das ist kein Argument dafür, „die Betroffenen“ nicht zu hören, sondern aufmerksam zuzuhören – und zu erkennen, dass sie selten mit einer Stimme sprechen.

Heute käme kein deutscher Redakteur mehr auf die Idee, einen solchen Gag zu drucken. „Wenn jemand mit uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und ist beleidigt“, spottete Tucholsky. Geändert hat sich seither nur der Grund der Beleidigung: Die gestiegene – und willkommene – Sensibilität für das Thema Diskriminierung geht einher mit einer hermeneutischen Regression, die die Gefühle der „Betroffenen“ und mehr berücksichtigt Empörungsbereitschaft, aber keine Kulturtechniken wie Uneigentlichkeit, Aneignung und Verfremdung.

Aber Kunst, insbesondere politische Kunst, braucht Gebrochenheit, braucht einen Moment der Raffinesse, Ambivalenz, des Zweifels, der Ambiguität oder der Selbstbefragung, um nicht in Propaganda zu verfallen. Merkmale, die den Comic aus dem israelischen Kollektiv von der etwa gleich alten großformatigen Zeichnung aus dem indonesischen Kollektiv unterscheiden.

Natürlich konnten die Documenta-Verantwortlichen mit dem Bild von Taring Padi nicht so umgehen, wie wir Dimonas Comic in „Jungle World“ zeigen: in verschleierter Form. Aber warum nicht?

Hätte man das Selbstbewusstsein gehabt, das Bild in verschleierter Form auf dem Kasseler Friedrichsplatz liegen zu lassen, anstatt es wie eine zufällig wiederentdeckte Büste eines Führers mitzunehmen, wäre aus dem Bild eine Installation geworden – und ein Stück Agitprop in die Kunst. Die Art von Kunst, die Kritiker und Finanziers mögen, solange diese Attribute nicht allzu zutreffend sind: provokativ, verstörend, schmerzhaft. In Anlehnung an die Verhüllungsarbeiten von Christo und Jeanne-Claude, vor allem aber als Reminiszenz an den Künstler, der die Documenta wie kein anderer geprägt hat: Joseph Beuys. 1972, auf der wegweisenden Documenta 5, konfrontierte er die Besucher zehn Stunden am Tag während der hundert Tage und hob die Diskussion selbst auf die Ebene der Kunst.

Eine solche Installation hätte auch ohne Künstlerkollektive oder Kulturfunktionäre, die sich, wie Beuys, einem endlosen Reden bis zur Erschöpfung hingegeben hätten, zum Denkmal werden können. Ein Denkmal für die Naivität, mit der die Verantwortlichen alle Warnungen zurückwiesen, dass diese documenta ein Antisemitismusproblem haben könnte – bis sie neun mal zwölf Meter über Kassel hing. Für die Unzulänglichkeiten des Postkolonialismus, der für Linke auf der ganzen Welt Eigentumsfragen und Klassenverhältnisse ersetzt hat und zu dessen Lücken Antisemitismus und Holocaust gehören. Für die identitäre Romantik, die mit der Rede vom „Globalen Süden“ einhergeht, die diese documenta mit dem Reishütten-Kitsch des indonesischen Kuratorenteams Ruangrupa prägt und die, wie alle reaktionäre Kritik an der Moderne, immer nur einen Fußbreit von einer entfernt ist eingebildete Volkstümlichkeit und damit vom Antisemitismus entfernt – wenn überhaupt.

Ein Mahnmal dafür, wie der Hass auf den Staat Israel nach Auschwitz an die Stelle der Rede vom „Weltjudentum“ getreten ist – und wie er eine weitere Metamorphose später nicht mehr im altmodischen antiimperialistischen Gewand, sondern postkolonial daherkommt, antirassistisch, geschlechtsbewusst. Für die Kraft dieses Hasses, der als ideologischer Kitt gerade in der arabisch-muslimischen Welt Herrscher und Beherrschte, Religiöse und Säkulare, Linke und Rechte zu vereinen vermag.

(In ihrer Entschuldigung schreibt Taring Padi nun, ihre belastete Arbeit sei als Konfrontation mit der Suharto-Diktatur gedacht gewesen, kann sich aber nicht erklären, warum sie den unterdrückten Massenmord an bis zu einer Million Anhängern der Indonesischen Kommunistischen Partei 1965/66 meinte im Zusammenhang mit Israel.)

Wie jede gute Kunst hätte sich das verschleierte Gemälde allzu klaren Interpretationen entzogen. Diese Installation könnte auch als Ausdruck einer Überempfindlichkeit gegenüber dem Thema Israel gedeutet werden, das ein Spiegelbild der obsessiv ressentimentvollen Beschäftigung mit dem jüdischen Staat ist. Auch als Mahnmal für die Rede-, Denk- und Kontaktverbote, die früher oder später jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik überholten.

Immerhin hätte das verdeckte Wimmelbild als Mahnung gelesen werden können, dass die Redefreiheit auch die Freiheit des dummen Wortes und die Kunstfreiheit auch die Freiheit der dummen Kunst einschließt – solange sie keinen Straftatbestand erfüllt wie Volksverhetzung, was hier teilweise der Fall sein könnte. Dass nicht jeder erlaubte berüchtigte Mist mit Steuergeldern finanziert und öffentlich zur Schau gestellt werden muss. Dass es einen Unterschied macht, ob Künstler in Indonesien, Italien oder Israel den Mossad beleidigen – oder ob das in Deutschland passiert.

Kurz gesagt: Man hätte das Beste aus dem Schlamassel machen können: Kunst. Eine soziale Skulptur im Sinne von Beuys. Stattdessen gab der Documenta-Skandal Deutschland die beruhigende Gewissheit, dass der Antisemitismus irgendwo hinter der Türkei steckt. Als ginge es hier um etwas ganz anderes als um so manchen Beitrag deutscher Hochkultur. Die Aussagen des letzten großen deutschen Schriftstellers etwa, der mit letzter Tinte großgeschrieben hat, was großgeschrieben werden musste: dass die Israelis die Nazis von heute seien. Oder der letzte deutsche Fast-Großschriftsteller, der vom „Moralklub Auschwitz“ die Runde machte und sich danach trotzdem verfolgt fühlte, weil es ihm nicht genügte, dass er für diese Obszönität in der Paulskirche mit Standing Ovations gefeiert worden war, sondern damit gerechnet hatte Auch Ignatz und Ida Bubis stehen auf und klatschen.

Als ob ein Bild in Kassel schlimmer wäre als die ständige Präsenz der eingeklemmten Nazis von der AfD und ihres Ehrenvorsitzenden mit dem Vogelschiss. Als weibliche Deckspassagiere der „Gaza-Flottille“ und deren Epigonen in der Linkspartei. Als Kooperation von Landesregierungen aller Couleur mit der Einzelfallmaschine Ditib. B. der in der deutsch-türkischen und deutsch-arabischen Community weit verbreitete und teilweise gewalttätige Antisemitismus. So das Ergebnis der letzten repräsentativen Umfrage, wonach jeder fünfte Erwachsene hierzulande antisemitische Gedanken hat – und fast jeder dritte Jugendliche.

Und schließlich, als ob der Ort des Geschehens nicht Erinnerungen an ganz andere Dinge wecken würde: Kassel, wo der NSU 2006 im Beisein eines Beamten des hessischen Verfassungsschutzes den letzten Mord in der Ceska-Mordserie verübte. Kassel, dessen Regierungspräsident Walter Lübcke 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde. Hessen, dessen noch amtierende Landesregierung sich wie keine andere mit der organisierten Vertuschung des NSU-Skandals profiliert hat. Kurzum: Die schnatternde Diskussion über die Documenta hat auch etwas mit Vertuschung zu tun: mit Vertuschung der jüngeren deutschen Geschichte und Gegenwart.

Lächerlich wird es, als Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zum Rücktritt aufgefordert wird, um sich von der Documenta zurückzuziehen, um es nicht früher korrigiert zu haben.

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