Dienstag, August 9, 2022

Warum Popmusik vorbei ist – aber jetzt wirklich

PPlastikblumen, Plastikschmuck, Plastikmusik: Pietro Lombardi und Katja Krasavice stehen am Altar. Sie werden von Dieter Bohlen in Pfarrerkleidung gesegnet. „Du bist mein Herz, du bist meine Seele“, singen sie. Aber nicht die übliche Version. Nicht der, der ständig in diversen Provinz-Diskotheken gespielt wird. Schlimmer, viel schlimmer: die Vorschau auf ein Remake des Synthpop-Klassikers von Modern Talking. Gesungen von Ex-DSDS-Gewinner Pietro Lombardi und der Unternehmerin des deutschen Plastikpops: Katja Krasavice.

Bei näherer Betrachtung ist dies kein Einzelfall. Dieter Bohlen, Elton John, die Beatles: Sie alle machen es. Die Rede ist von Interpolation, der systematischen Wiederverwendung früherer Songs. Dieses Lied dient als Beispiel – der Text ist anders, aber mit der gleichen Melodie wie das Original. Und derselbe Rhythmus. Nur der Sound ist moderner: keine ikonischen Synthesizer wie Thomas Anders und Dieter Bohlen, sondern dumpfe Bässe ohne einen Hauch von Variation. Eine mittlerweile gängige Form der Wiederverwendung älterer Musikstücke. Note für Note wird ein Song oder ein Abschnitt eines Songs umfunktioniert, manchmal mit geändertem Text oder einigen Modifikationen. Oft genug mit stoischer Gelassenheit kopiert.

Ein altbewährtes Prinzip, obwohl heute erhebliche Unterschiede erkennbar sind. Das Selbstverständnis der Darsteller hat sich verändert, die Leichtigkeit ist der Kühnheit gewichen. Vor Jahrzehnten verwendeten die Beatles einen Teil der französischen Nationalhymne am Anfang ihres Songs „All You Need Is Love“. Trompeten interpolieren den Anfang der Marseillaise, gefolgt von der berühmten Lennon/McCartney-Komposition. Die folgenden Zeilen sind weltberühmt. So einfach wie genial, denn trotz des ikonischen Anfangs besteht der Großteil des Songs aus enormer Eigenleistung. Als sinnvolle Ergänzung oder humorvolle Einlage kann Interpolation wertvolle Dienste leisten und den eigenen Song mit Hilfe liebgewonnener Elemente ergänzen.

Im Gegensatz zum Sample verwendet der Künstler beim Interpolieren nicht das Original, sondern spielt seine eigene Version. Die Instrumente können unterschiedlich sein, aber die Noten bleiben gleich. Es gibt also nicht viel Interpretationsspielraum. Auch aus rechtlicher Sicht ein entscheidender Punkt, normalerweise muss nur der Komponist seine Zustimmung zur Interpolation geben, wobei das Plattenlabel hinter dem Cover oder Sample überzeugt werden muss. Finanziell ein entscheidender Vorteil. Noch besser, wenn der Darsteller direkt am Recycling beteiligt ist.

Ein doppelter Geldregen: Während neue Songs ohne zusätzliche kreative Arbeit entstehen, wird auch der Verkauf des Originalwerks angekurbelt. Das Gipfelkreuz der Kühnheit ist erreicht, wenn der Künstler seinen Namen im Titel nennt, aber am Ende gar nicht zu hören ist. So wie Dieter Bohlen, dessen Part im Trash-Triumvirat mit Krasavice und Lombardi vergebens erwartet wird. Du wirst glücklich sein.

Eine künstlerische Weiterentwicklung anhand früherer Werke ist daher wichtig: Sie kann als Hommage genutzt werden oder relevante Einflüsse des eigenen Musikkonsums verarbeiten. Oft dient es auch als Referenz, um längst vergessene Titel wieder auf das Tableau der Gegenwart zu holen. Das ist bei Coldplay passiert. In „Talk“, erschienen 2005, sind Teile des Klassikers „Computerliebe“ von Kraftwerk zu hören. Es wäre respektlos, den Titel als vergessen zu bezeichnen.

Doch die Zeiträume, in denen sich die meisten Songs von Kraftwerk bewegen, sind für viele Coldplay-Hörer Neuland. Sie sind wohl eher im klassischen Mainstream zu Hause. Mit dieser Methodik werden dem Hörer neue Felder erschlossen, Coldplay-Fans auf die legendäre elektronische Pionierarbeit von Kraftwerk aufmerksam gemacht und umgekehrt. Völkerverständigung im reinsten musikalischen Sinne. Ähnlich verhält es sich mit Tech N9ne und Falco. Angesichts der musikalischen Unterschiede erscheint es grotesk, die beiden in einem Atemzug zu nennen. Aber der Sound von „I’m a Playa“ (2002) bezieht sich offensichtlich auf den Austropop-Klassiker „Rock Me Amadeus“ von 1985. Eine bewusste Interpolation mit Potenzial zur gegenseitigen Maximierung von Fangruppen, auch wenn leider nur Falco selbst nicht mehr davon profitieren konnte .

Geld bleibt die wichtigste treibende Kraft hinter der Musikproduktion. So kann es passieren, dass selbst die angesehensten Musiker der vergangenen Jahrzehnte an ihr Vermächtnis rühren. Elton John ist dafür symptomatisch: Vier Songs werden in „Cold Heart“ (2021) interpoliert und gesampelt. Ohne eine einzige Silbe zu singen, landete Elton John gemeinsam mit der britischen Sängerin Dua Lipa einen der kommerziell erfolgreichsten Songs des Jahres. Mit Ankündigung. Kombiniert man vier ehemalige Charterfolge eines der populärsten Musiker aller Zeiten, eines der bekanntesten Musiker der Gegenwart und eines DJ-Duos, das sich bestens mit zeitgenössischer elektronischer Musik auskennt, sind lukrative Kassenerfolge zu erwarten. Der kreative Mehraufwand ist als relativ gering anzusehen. Alte Erfolge für jüngere und zahlungsbereite Zielgruppen wieder aufleben lassen – das kann man auch interpolieren.

Aber zurück zu Dieter Bohlen. Zurück in die weniger ambitionierten Niederungen der deutschen Trash-Musik. Denn bei aller Häme, die das „Lied“ zu Recht verdient, erfährt man viel darüber, wie deutsche und internationale Musik funktioniert. Während junge, aufstrebende Künstler systematisch vom Markt ausgeschlossen werden, recyceln viele große Musiker unter Konkurrenzdruck und Eile einen Klassiker nach dem anderen. Das Internet bietet Nischenplattformen für unbekannte Künstler ohne gut bezahlten Labelvertrag. Aber auch dort herrschen Marktmechanismen. Denn der Einfluss eines Musikanbieters steigt mit der Anzahl der Nutzer – der Netzwerkeffekt lässt grüßen.

Sicher: Manchen Songwritern mangelt es tatsächlich an Kreativität. Oder Mut. Oder einfach das Talent, Kunst mit Alleinstellungsmerkmal zu schaffen. Die Neuauflage von „You’re My Heart, You’re My Soul“ ist wohl ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von Songs, die übrigens nicht nur im Pop, sondern auch im Deutschrap zu finden sind.

Schließlich ist die Musikindustrie zu vielfältig und bunt, um einerseits die diabolische Musikindustrie und andererseits die wehrlosen Künstler an die Wand zu malen. Aber der Trend ist besorgniserregend. Obwohl die erfolgreichen Interpreten schwanken, scheint der Klang der Songs, oder besser gesagt das Prinzip des Songmachens, sich zu wiederholen.

Nicht zuletzt trägt auch das Prinzip der Interpolation zum sinkenden Interesse an Popmusik bei. Das ist extrem ärgerlich: Gerade in der Popmusik ist Musik mit Identifikationspotenzial wichtig. Es fördert das Gemeinschaftsgefühl, lässt uns in Erinnerungen schwelgen und begleitet uns im Idealfall ein Leben lang. Oftmals keine Meisterwerke, große Ikonen des Pop können noch einen Zeitgeist einfangen und kreativ verarbeiten. Einen Sound zu kreieren, der Stimmungen vergangener Zeiten einfängt und widerspiegelt, uns aber auch immer wieder an das Gewesene erinnert. All das fehlt den großen Namen der Musikbranche derzeit. Wiedererkennungswert, Alleinstellungsmerkmale und Innovation sind für viele Songwriter Fremdwörter. Mit wenigen Ausnahmen. Aber wie Sie wissen, bestätigen sie die Regel.

Ob die Wiederverwendung alter Lieder die Hauptursache für die Misere ist, ist umstritten. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass es einen enormen Einfluss darauf hatte, wie Musik im 21. Jahrhundert funktioniert. Und es bleibt abzuwarten, ob Gen Z auch die Hymnen bekommt, die sie verdient. Dieter Bohlen, Katja Krasavice und Pietro Lombardi werden es jedenfalls nicht sein. Hoffentlich.

Möchten Sie sich die Interpolationen genauer ansehen? Dann hör dir diese Playlist an.

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