Samstag, August 20, 2022

Was bedeutet es, dass Boris Johnson jetzt eine aufgeweckte Sprache verwendet?

MStellen Sie sich vor, der FDP-Parteichef Christian Lindner entlässt den liberalen Urgestein Gerhart Baum vor versammelter Mannschaft mit „Okay Boomer!“ weil ihm seine Meinung zum finanzpolitischen Kurs der Bundesregierung gegen den Strich ging. Oder die Grüne Marieluise Beck würde den Philosophen Jürgen Habermas einen „alten weißen Mann“ nennen, um seine Haltung zum Ukraine-Krieg zu diskreditieren; dem würde der 93-Jährige dann entgegnen, es sei Abbruchkultur par excellence, ebenso wie Ageism, also Altersdiskriminierung. Undenkbar?

Boris Johnson wurde im „Today Journal“ interviewt. Die britische Premierministerin, die eher als Frauenheld denn als Feministin bekannt ist, schlug einen ungewohnten Ton an: „Wenn Putin eine Frau wäre, glaube ich nicht, dass er einen so verrückten Machokrieg angezettelt hätte.“ Putin ist ein großartiges Beispiel für „toxische Männlichkeit“. Man fragt sich, wie Nadine Dorries auf diese aufgeweckte Rede ihres Arbeitgebers reagiert. Johnsons Kulturminister lässt bei allem, was „politisch korrekt“ ist, die Hutschnur platzen. Doch seine Kritik an Putin, der sich beim Angeln oder auf dem Rücken der Pferde gerne mit Testosteron strotzt, bietet eine wichtige Erkenntnis: Das Vokabular und die Symbole unserer Kulturkämpfe scheinen mittlerweile allgegenwärtig zu sein, unabhängig vom politischen Lager.

Wer darüber skandalisiert, dass sich Minderheiten immer wieder unterdrückt und diskriminiert fühlen, auch durch Kleinigkeiten, und diese tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung gar als identitätsstiftend empfindet, der versammelt sich oft als erster unter dem Schimpfwort „Kartoffel“ zur Opfergemeinschaft – und über Diskriminierung sprechen. Und Putin selbst verglich die russische Kultur, die natürlich auch unter den Sanktionen leidet, mit der Harry-Potter-Erfinderin JK Rowling. Sie ist wegen ihrer Ansichten zur Transsexualität gesperrt. Dass jemand, der selbst homophobe Politik betreibt, der auch Kultur und Souveränität in seinem Nachbarland verleugnet, sich als Cancel-Opfer sieht, wäre lustig – wenn es nicht alles so traurig wäre.

Weil Phrasen und Symbolik des Kulturkriegs die Realität verdunkeln. So wie sich an der Situation der sexuellen Minderheiten in Ungarn nichts ändert, wenn Münchner Stadien bunt erleuchtet sind, so verschleiert die Betonung von Putins Männlichkeitskult, dass für seine Kriegslust eine Situation geschaffen werden musste, in der ständig Geld abgezogen wurde aus dem fließt nach Westen in die russische Kriegskasse.

Hintergrund für Johnsons Aussage war die vernünftige Forderung nach Ernährungssicherung und zwölf Jahren Schule weltweit – auch für Mädchen. Bitter: Briten lassen jetzt Mahlzeiten aus, um über die Runden zu kommen. Anzunehmen, gute Bildung würde das für Mädchen ändern, ist ebenso naiv wie zu glauben, dass der Investmentgigant Blackrock mit weniger Milliardeninvestitionen zum Wohlstand von Putins „gemanagter Demokratie“ beigetragen hätte, wenn mehr Frauen im Vorstand gewesen wären. Schließlich hatten wir 2014 einen Kanzler – und lange hieß eine der treibenden politischen Kräfte hinter Nord Stream 2 nicht Manuel, sondern Manuela mit Vornamen.

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