Dienstag, August 16, 2022

Wenn ich Stripperin wäre, würde ich zu „Im Fieber“ tanzen.

Nach den ersten Bassdrum-Beats von „Komm“, dem Opener von Jochen Distelmeyers neuem Album „Gefühltetruechten“, ist es, als würde Jochen mir sanft die Hand auf die Schulter legen und sagen: Alles ist okay, du bist okay, ich bin da .

Das letzte Einhorn des deutschen Schlagers, Tocotronics Vater, er taucht im goldenen Glitzeranzug aus dem Corona-Kriegsnebel, aus der Twitter-Ghettowelt auf und erinnert uns mit seinen Liedern, seinen Worten, die leicht aus ihm heraussprudeln, an das, was wirklich wichtig ist . zu lieben Sie schien verloren. Jochen bringt sie zurück, es scheint, dass nicht nur die Musik von Steely Dan die neue Platte inspiriert hat, nein, er lebt auch ihren Slogan: „Do it again.“

In den neuen Songs geht es um Vermissen, Enttäuschung, heilende Wunden, Sehnsucht, Trennung und den Wunsch nach romantischer Liebe. Distelmeyer singt: „Jeder weiß, dass es ohne Liebe kein Leben gibt, ohne sie würden wir gar nicht existieren.“

Er ist im Liebesfieber.

Jochen Distelmeyer und seine Band Blumfeld haben mir Anfang der 1990er Jahre in der norddeutschen Provinz zwischen Dire Straits und Bryan Adams das Leben gerettet. Plötzlich sprach dieser Typ aus, was ich dachte, die Gedanken, die ich in der kleinen Stadt allein gelassen fühlte. Jochen hat mich verstanden. Wie ein sensibler, verständnisvoller Vater. Vielleicht, weil er auch die Traurigkeit des Landlebens kannte – „Back to Brake Bielefeld“.

Damals Philosophie im Sonic Youth Gitarrengewand im Vorprogramm der Indie-Legende Pavement, heute Spandau Ballet im Radio. Damals Antifa, heute ein melancholischer Abschlussball.

Perfekter Pop, der altmodisch wirkt, aber gerade deshalb so schwer ist. Der kindliche Liebeskummer in den Texten eines erwachsenen Mannes, der vielleicht gar nicht erwachsen werden will. Dann die Einsamkeit: So wie man mit dieser Platte abheben und mit den Tieren um uns herum eine schöne Party feiern kann, könnte man mit Songs wie „Not lonely enough“ in die tiefsten Ängste der Menschheit eintauchen. Gäbe es die „ZDF-Hitparade“ noch, dort würde Jochen Distelmeyer zwischen Münchner Freiheit und Falco auftreten.

Sein neues Album: Soul, das man schon vor Jahren an seinem herausragenden Britney-Spears-Cover „Toxic“ erahnen konnte. Auf diesem neuen Album hat er es perfektioniert. Nur gelegentlich stolpert er über die kantige deutsche Sprache, die sich wie Daim-Schokoladenstücke nur schwer in McFlurry mischen lässt.

Wenn ich Stripperin wäre, würde ich in Susis Showbar auf der Reeperbahn zu „Im Fieber“ tanzen. In der ersten Reihe, einen Espresso Martini trinkend, Helmut Berger und Distelmeyer. Ich würde nur für sie tanzen.

Bei Distelmeyer sitzt jedes Wort, jeder Gedanke, jeder Atemzug. Ein Versprechen, wenn er singt: „Wenn du morgens aufwachst und nichts mehr so ​​ist wie zuvor / Geliebte, mach dir keine Sorgen, ich bin immer noch hier.“ Er ist wirklich noch da. Immer noch Klassenbester. Ein Plädoyer für emotional verkrüppelte Menschen, sich wieder zu fühlen. öffnen. Die Treppe der Zerbrechlichkeit hinaufsteigen. Seine Melodien sind das Ritalin als Soundtrack zur Welt.

In ihrer Buchpremiere erinnerte sich Helene Hegemann kürzlich an das Snoopy-Zitat, in dem Charlie Brown zu Snoopy sagt: „Eines Tages werden wir alle sterben.“ Snoopy antwortet: „Ja, aber jeden zweiten Tag werden wir leben.“ Jochen ist Snoopy, wenn auch vielleicht ein melancholischer.

Bei einem seiner letzten Konzerte sagte er am Ende zum Publikum: „Lasst euch nicht täuschen, ihr wisst, wer ihr seid.“ Kurz darauf verließ er im Mantel mit Gitarrenkoffer und Zigarette im Mund den Club durch den Hinterausgang und betrat die Münchner Nacht.

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