Dienstag, August 16, 2022

Wie Autos aus Polen nach vorne kommen

ichIm Krieg boomte der Allradantrieb. Sowohl für Soldaten als auch für Freiwillige. In den Kampfzonen gibt es keine Autobahnen. Oft gibt es überhaupt keine Straßen. Sie wissen nur, welchen Weg Sie gehen wollen. Ohne Allradantrieb geht nichts. Eine verstärkte Bodenplatte und alle anderen möglichen Verstärkungen sind ebenfalls sehr wichtig. Und die Armee hat natürlich Vorrang.

Autos sind ein Verbrauchsgegenstand in den Frontiers. Genau wie Treibstoff oder Munition. Sie brechen, explodieren auf Minen, bleiben in Gräben stecken, landen auf Dächern. Nachschub braucht man immer. Immer wieder gibt es Aufrufe in den sozialen Netzwerken, für Autos zu spenden. Am beliebtesten sind Geländewagen und Kleinbusse. In einem Schützenpanzer fährt man nicht jeden Tag hin und her. Es gibt auch andere Aufgaben.

Viele Ukrainer spendeten ihre Autos der Armee. Aber ihre Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Jetzt kommt Hilfe aus dem Ausland. Sie müssen nicht raten, aus welchem ​​Land die meisten Autos gebracht werden. Es ist Polen.

Vitaly ist in den letzten Monaten öfter nach Polen gefahren. Seine Freunde haben bereits mehrere Autos für die Überführung vorbereitet. Heute entlädt er einen Kleinbus. Es sind mehrere Kanister mit Sprit drin, die werden dringend vorne benötigt. Vorerst kommen sie jedoch in eine Garage. Das Auto muss zunächst in einer Werkstatt getarnt werden. Ein paar Tage später wird er in Richtung Osten aufbrechen. „Menschen, die du nicht einmal kennst, helfen dir oft. Es ist erstaunlich, wie alles funktioniert. Die Solidarität ist einfach überwältigend.“

Mein Freund Ihor weiß es aus eigener Erfahrung. Sein Bruder, der eingezogen wurde und an der Front kämpft, bat ihn um einen Kleinbus. Ihor hat kürzlich einen Spendenaufruf veröffentlicht. Innerhalb weniger Tage kam die nötige Menge zusammen. Seine Mutter und seine Freundin fuhren nach Polen und holten den Kleinbus ab. Bei der Tarnlackierung musste er nur die Farbe bezahlen. Die Werkstatt weigerte sich, die vollen Kosten in Rechnung zu stellen. Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben in einer anderen, wunderbaren Welt.

Sie können eine Medaille online für 65 Euro kaufen. Auf der Vorderseite ist Adolf Hitler abgebildet, die Rückseite ziert ein Reichsadler und die Parole „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Unter den Klauen des Wappenvogels ist dort, wo früher das Hakenkreuz von einem Kranz umgeben war, ein schwarzer Fleck zu sehen. Ein Hinweis unter dem Bild besagt, dass Hakenkreuze aufgrund gesetzlicher Vorschriften auf den Fotos nicht sichtbar sind. Gleichzeitig wird versichert, dass diese bei den angebotenen Artikeln selbstverständlich unbeschädigt sind. Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus nur für historische und wissenschaftliche Zwecke erworben werden können.

„Als im März 1938 die Kampagnen für den ‚Anschluss Österreichs‘ an das Deutsche Reich in vollem Gange waren, wehte immer wieder ein Transparent über den Plätzen und Märkten: ‚Ein Volk, ein Reich, ein Führer‘“, schreibt der deutsche Historiker Dietmar Süss in seinem gleichnamigen Buch mit dem Untertitel „Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich“. Aus nachvollziehbaren Gründen ist die Verwendung dieses NSDAP-Slogans nun in Deutschland strafbar.

Anscheinend nicht in Russland. Der in Donezk geborene ukrainische Journalist und Blogger Denys Kazanskyj, der 2014 nach dem russischen Marionettenputsch gezwungen war, seine Heimatstadt zu verlassen, twitterte heute ein Foto. Es zeigt eine Aktion von Schullehrern in Klin, einer russischen Stadt etwa 100 Kilometer nordwestlich von Moskau. Nach kurzer Recherche erfährt man, dass der rund 80.000 Einwohner zählende Ort seit 2016 stolz den Titel „Stadt der militärischen Tapferkeit“ trägt und der Komponist Pjotr ​​Tschaikowsky hier die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte. Das Herrenhaus Demjanowo am Stadtrand, wo im frühen 19. Jahrhundert viele Dichter, Komponisten und Maler ein- und ausgingen, ist heute eine Ruine.

Für das patriotische Foto posieren die Lehrer mit einem Plakat in den russischen Nationalfarben Weiß, Blau und Rot im Hintergrund. Dort steht in drei Zeilen in handschriftlichen Großbuchstaben geschrieben: „Ein Volk, eine Nation, ein Herrscher“. Lässt man den kleinen stilistischen Unterschied zwischen „Führer“ und „Herrscher“ außer Acht, ist es eine wörtliche Übersetzung des Nazi-Slogans. Das letzte Wort des Slogans lautet übrigens „праVитель“ mit einem V, einem Buchstaben, der neben dem Z zum Symbol der Unterstützung für Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geworden ist.

Vielleicht gibt es in Russland bald eine Medaille oder eine Münze – mit dem Bild des Herrschers auf der Vorderseite und einem entsprechenden Spruch auf der Rückseite. Natürlich auch mit V und Z drauf. Jedenfalls bleibt nicht mehr viel zu tun.

Ich liebe Wetter-Apps. Sie wissen immer alles über das Wetter. Nach einem kurzen Blick auf den Bildschirm werden Ihnen sofort alle nützlichen Zutaten der Wetterküche präsentiert – Lufttemperatur, Windverhältnisse, Luftfeuchtigkeit, UV-Index, Luftdruck, Taupunkt, Sichtweiten und vieles mehr. Die Apps sagen dir sogar, ob es gerade regnet und ob es regnen wird. Die erste Information kann ich sofort visuell oder auch haptisch überprüfen. Wenn es um die Vorhersage geht, haben Sie die Wahl – ob Sie es glauben oder nicht. Manchmal liegen die Apps falsch, hauptsächlich weil sie den Umbrella-Faktor nicht berücksichtigen können. Es ist bekannt, dass die Regenwahrscheinlichkeit umgekehrt proportional zum Tragen eines Regenschirms ist.

Meine Wetter-App sagt mir in letzter Zeit immer wieder, dass die Luftqualität in Lemberg gut ist und ich meine Outdoor-Aktivitäten genießen kann. Keine gefährlichen Feinstaub- oder Kohlenmonoxidwerte. Die App gibt also ihre Standardnachricht aus. Das sagt sie auch, wenn es draußen in Strömen regnet mit harmlosen Schadstoffwerten. Die App empfiehlt mir auch Outdoor-Aktivitäten. Bewegung ist wichtig. Viele Menschen nahmen während des Krieges an Gewicht zu. Ständiger Stress, falsche Ernährung, kaum Bewegung. Man darf gespannt sein, ob die Sport-Apps bald auch einen Kriegsmodus anbieten werden.

Das Wissen um den Pollenflug ist für einen Allergiker wichtig. Auch hierfür liefert die App die notwendigen Informationen. Ich erfahre zum Beispiel, dass im Juni die Gräser an der Reihe sind. Allergiker sollten sich also nicht an Outdoor-Aktivitäten erfreuen. Dafür gibt es aber keine Empfehlung.

Auch den Hauptgrund für die gute Luftqualität nennt die App nicht. Es ist die Treibstoffknappheit. Die meisten Tankstellen verkaufen kein Benzin, und wo es Benzin oder Diesel gibt, gibt es kilometerlange Warteschlangen. Die Folgen – deutlich weniger Autos, deutlich sauberere Luft und viele Fahrräder und E-Scooter auf den Straßen. Vor allem der Lieferservice funktioniert tadellos – Pizza und Co. werden in wenigen Minuten geliefert. Es ist fast eine umweltfreundliche Idylle.

Beim Sprit lernt man wieder zwischen den Zeilen zu lesen. An manchen Tankstellen sind die Anzeigetafeln mit Benzinpreisen tot, an anderen leuchten nur noch Nullen darauf. Ein ahnungsloser Ausländer könnte denken, es gäbe keinen Unterschied. Weit davon entfernt. Die Nullen bedeuten, dass man hier Benzin oder Diesel nur mit Tankmarken kaufen kann. So werden Stadtbusse, Krankenwagen und Autos in kritischer Infrastruktur betankt.

Nachdem Russland die einzige ukrainische Raffinerie und mehrere Öllagerstätten bombardiert hat, geht die Umstellung auf Lieferungen aus der Europäischen Union nur langsam voran. Vor dem Krieg wurden nur geringe Mengen Benzin und Diesel aus der EU importiert, der Großteil stammte aus Weißrussland, Russland und heimischer Produktion. Die Regierung verspricht, das Problem bis Ende des Sommers zu lösen. Sie muss etwas versprechen. Allerdings ist eine Vorhersage hier genauso unzuverlässig wie eine Wettervorhersage für zwei Monate im Voraus. Deshalb haben die meisten Wetter-Apps sie nicht.

Nur noch eine Woche und die erste Erdbeersaison ist vorbei. Es dauert tatsächlich von Mitte Mai bis Mitte Juni. Zuerst kommen die Erdbeeren aus Transkarpatien, dann reifen die einheimischen. In diesem Jahr sind die großen, saftigen, roten Gartenfrüchte länger als gewöhnlich. Als ob sie wüssten, dass sie die Kirschen aus der Südukraine ersetzen müssten. Denn anders als die Kirschen wurden die Erdbeeren nicht von den russischen Truppen besetzt. Ihre bessere Kriegsfestigkeit ist geografisch bedingt – sie brauchen nicht so viel Wärme wie Kirschbäume und gedeihen in nördlicheren Breiten. Also praktisch überall dort, wo es geeigneten Boden und etwas Sonne gibt. Das war schon immer bekannt, lange bevor in der Gorbatschow-Ära Erdbeeren massenhaft auf Datschen angebaut wurden. Damals dufteten die Busse im Mai immer nach Erdbeeren. Und die engen, warmen Küchen nach köchelnder Erdbeermarmelade.

Seit einigen Jahren gibt es auch eine zweite Ernte, etwa im August. Erdbeeren kann man aber eigentlich das ganze Jahr über kaufen. Im Dezember kommen sie aus dem Süden, wenn auch nicht aus der Ukraine. Sie werden aus Spanien oder Afrika importiert, ich weiß es nicht genau. Sie sind teuer, wässrig und schmecken nicht richtig, also kauft sie kaum jemand. Es sei denn, Sie brauchen an Silvester etwas Obst, um den Tisch zu dekorieren. In Folie eingewickelt riechen sie nicht und sehen aus wie etwas Exotisches und Fremdes. Sie haben nichts mit dem Heimatgefühl zu tun, das Erdbeeren wie keine andere Frucht verkörpern. Denn Erdbeeren müssen nicht fremd sein. Sie kommen aus dem Garten. Oder aus dem Wald in der Nähe.

Vielleicht heißt Joseph Roths ungeschriebener Roman über seine galizische Heimat deshalb „Erdbeeren“, auch wenn es, wie viele seiner Schriften, um etwas anderes geht – Nostalgie und Traurigkeit. Erdbeeren sind die einzigen Lebewesen, die in einer ansonsten tristen Gegend voller Armut und Elend Freude und Stolz ausstrahlen. „Sie zitterten auf dünnen, aber starken Stielen. Sie waren satt und lagen so tief auf dem Boden, nicht aus Demut, sondern aus Stolz. Man musste sich bücken, um sie zu erreichen“, heißt es in einem als Erzählung veröffentlichten Fragment.

Als wir Kinder früher bei Ausflügen die saftigen roten Beeren am Waldrand pflückten, blieben wie vor Jahrzehnten und Jahrhunderten kleine Erdklumpen daran haften. Regen hatte die Erde auf die kleinen Früchte gespritzt, du hast sie einfach abgewischt und die Beeren in deinen Mund gesteckt. Wir wussten nicht, dass Joseph Roth schon darüber geschrieben hat. Wir haben es damals nicht gelesen. Wir gehen nicht mehr so ​​oft in den Wald.

Im Gegensatz zum Deutschen unterscheiden die slawischen Sprachen streng zwischen zwei verschiedenen Erdbeersorten. Für Walderdbeeren und Gartenerdbeeren werden zwei verschiedene Wörter verwendet. Der Ansatz ist recht praktisch, aber unwissenschaftlich, da es sich aus botanischer Sicht um eng verwandte Arten handelt. Mittlerweile werden auch die kleinen Walderdbeeren kultiviert, hier vermischt sich also die wilde Natur mit der kultivierten. Sprachlich bleibt aber alles sauber getrennt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn jemand „Erdbeere“ sagt, muss man nicht raten, ob es sich um Wald- oder Gartenfrucht handelt. In der ukrainischen Übersetzung der Geschichte von Joseph Roth hätte man am Titel erkennen können, dass es um Walderdbeeren ging. Man hätte sich nur gewundert, dass damals das Pflücken der Früchte im Wald verboten war.

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