Dienstag, August 9, 2022

Wie man aus dem Nichts eine Börsensensation zusammenfügt

WWir müssen über Zähne reden. Riesige Zähne. Zähne wie Scheinwerfer. Teuer wahrscheinlich wie ein Tiny House. Und Matthias Brandt trägt es im Gesicht.

Es gibt ihm etwas Wölfisches, etwas wie Jack Nicholson, der kein falsches Implantat braucht, um seinen Zahnkäfig auf eine Weise zu versperren, die einem Angst einjagt.

Die Beißer, die stärksten seit Peter Simonischeks Prothese in „Toni Erdmann“, waren das Tor, durch das Brandt, sonst ein manischer Mimik-Minimalist, eine geniale Bigotterie kleiner Gesten, Magnus A. Cramer unter die Haut ging. Das ist er in der neuen Netflix-Serie „King of Stonks“.

Der King, der legendäre CEO von CableCash, einem deutschen Pionier der bargeldlosen Finanzbuchhaltung, ist sozusagen ein cineastischer Wirecard-Konterfei. Ein Mann, dessen schrilles Ego jeden Raum mit Testosteron flutet. Keine Fahrstuhlkabine ist groß genug für ihn und die Blähungen, die er ständig ausstößt.

Das komplette Gegenteil aller Schmerzensmänner ist dieses grunzende Monster, das Brandt früher gespielt hat. Der König flucht, grölt und verzieht das Gesicht so, dass Brandt am Ende eines Drehtages Muskelkater in den Wangen gehabt haben muss. Könnte eine Karikatur sein. Aber es ist nicht.

In den letzten Jahren hat es nicht an Filmen gemangelt, die spätestens seit der Lehman-Pleite mit mehr oder weniger moralisch aufklärerischem Impetus darangehen, auch dem letzten Kleinanleger die Verderbtheit der globalen Finanzen vor Augen zu führen.

Filme wie „Big Short“, „The Wolf of Wall Street“ und Serien wie „Bad Banks“ haben Kleinanlegern nicht wesentlich beim Schutz ihrer Ersparnisse geholfen, da sie vermutlich kein Kunde von Finanzmarkt-Anklagefilmen und -serien und allergisch auf homöopathische Dosen sind Moral und Bildung im Kino.

„King of Stonks“ – um in Magnus A. Cramers Ton zu bleiben – schert sich einen Dreck um Moral und Bildung. Das macht den Sechsteiler aus der von Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann in Köln gegründeten neuen deutschen Unterhaltungsserie Traumhersteller Bildundtonfabrik, aus deren Band bereits Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ und die wunderbaren provinziellen Jugend-Deal-Pillen-on-the- Die Internet-Serie „Wie verkauft man Drogen online (schnell)“ lief in eine verblüffend ungermanische, schwerelose Parodie auf das Startup-System.

„King of Stonks“ treibt an die Oberfläche, der Titel verdankt sich einer Fehlinterpretation von „Stocks“ und stellt gleichzeitig die Querverbindung zu Helmut Dietls „Schtonck“ her, dessen satirisches Niveau „King of Stonks“ mühelos aufrechterhält – z sechs Stunden mit der Achterbahnfahrt von CableCash im „größten Finanzskandal der deutschen Geschichte“. Der atemberaubende Aufstieg, Fall und Aufstieg und Fall dieses verrückten Start-ups wird ähnlich wie in „How to sell drugs online (fast)“ behandelt. Von nichts zur Hoffnung der deutschen Digitalwirtschaft, von Null zu Bezos.

Die Haupthelden sind Magnus A. Cramer, ein ehemals sehr schmuddeliger Unternehmensberater, der genau weiß, wie man aus dem Nichts eine Börsensensation zusammenschustert, und Felix Armand, der Programmierer, der das wahre Gehirn von CableCash ist.

Thomas Schubert ist Felix. Ein etwas teigiger Typ, dessen Anzug immer komisch herunterhängt. Felix ist das Gehirn, Magnus ist der Sprecher. Zusammen sind sie eigentlich so unerträglich wie unbesiegbar.

Sie sprechen die ganze Zeit über Familie und Werte, wie es jedes Top-Down-Unternehmen getan hat. Und genau wie sie wissen sie nicht einmal mehr, was Familie und Werte eigentlich sind. Obwohl CableCash – wie Wirecard – aus einer mit vielen Zahlen aufgepumpten Null besteht. Also eigentlich völlig wertlos.

Alle Charaktere haben eine Agenda: der aufgeklärte Journalist, der ultraschnelle Makler, der auf den Untergang der Cramers setzt, der Digitalminister („Deutschland kann mehr als Datenschutz“), die „Porno-Zwerge“, die es einmal waren Die ersten Kunden von CableCash und wegen eines Sexfilms haben den Digitalminister in der Hand. Die digital ahnungslose Mafia.

Alle Rollen sind fantastisch besetzt. Jeder ist mit jedem verbunden. Jeder will seinen Deal machen. Alle sind gefahren. Aus Gier, aus Skrupellosigkeit, aus Einsamkeit. Es geht um Väter und Traumata.

Eine wahrhaft wilde Maus ist die Geschichte – so heißt die Achterbahn im Wiener Prater, die bei diesem Spektakel auch keine geringe Rolle spielt, denn Felix kommt aus Österreich und irgendwann kommt der österreichische Geheimdienst um die Ecke – in der Sie keine Angst vor ästhetischen und dramaturgischen Beinahe-Entgleisungen haben. Und stürzt sich irgendwann nur noch jubelnd in die nächste Kurve.

In seinem Unterbau spielt sich ein halbes Dutzend uralter Tragödien ab. Und mittendrin kriechen Brandt und Schubert herum. Es ist eigentlich ein Vater-Sohn-Team. Arschlöcher zweierlei Art, die nicht ohne einander auskommen, aber miteinander ist es auch ziemlich schwierig.

Jan Bonny führte bei den meisten Folgen von King of Stonks Regie. Er ist der deutsche Meister im entfesselten Fernsehen, ein introvertierter Chronist der grenzenlosen Gegenwart. Wir verdanken Matthias Brandts dunkelste „Polizeieinsätze“ ihm. Und das gruselig-schöne Neonazi-Märchen „Winter’s Tale“.

„King of Stonks“ ist ganz anders und doch gleich. Unbegrenzt, entfesselt. Und am Ende tut alles weh. Woran die Zähne von Matthias Brandt nicht ganz unschuldig sind.

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