Freitag, August 12, 2022

Wie Martin Walser sein Archiv an Marbach verschenkte

Die Szene, wie Martin Walser im Rollstuhl den Musenhügel des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar hinaufgeschoben wird, schaffte es am Sonntagabend sogar in die „Tagesschau“. Der 95-jährige, gebrechliche Schriftsteller trägt ein rosa Hemd und ist der Star der Zeremonie, auf die alle im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA) lange gewartet haben. Einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, eine prägende Figur der deutschen Nachkriegsliteratur, übergibt sein Vermächtnis, dh seinen literarischen Nachlass zu Lebzeiten.

DLA-Direktorin Sandra Richter begrüßt Martin und alle anderen Walser mit einer Feierstunde. Darunter sind nicht wenige, neben seiner Frau und mehreren Töchtern, die in der Literaturwelt bestens vernetzt sind (Alissa Walser ist mit Sascha Anderson verheiratet, Theresia Walser mit Karl-Heinz Ott), auch Jakob Walser ist dabei, der Enkel und Sohn von Franziska Walser und Edgar gesegnet. Die letzten drei, allesamt Schauspieler, lesen später Texte aus Martin Walsers Werk. Über zwei Stunden dauert die Zeremonie, der 95-jährige Walser ist mutig bis fröhlich, fragt, wann er nach vorne geschoben werde.

Das Who is Who der Walser-Weggefährten hat sich ebenso versammelt wie der Verleger Alexander Fest, der Walser nach dem Tod von Siegfried Unseld einst aus Suhrkamp zu Rowohlt holte. Mit reichlich Walser-Zitaten stimmen die Keynote-Speaker das Publikum aphoristisch ein: „Sieger sammeln keine Erfahrung. Erfahrung sammelt man nur als Verlierer.“ Oder: „Du nimmst nicht den Beruf des Schriftstellers an, er nimmt dich an.“ Was sagt Martin Walser dazu? Von der Akustik verstehe er nur die Hälfte, sagt er: „Hoffentlich hätte es mir gefallen.“

Der literaturhistorisch interessante Teil der Veranstaltung ist die halbstündige Beamershow, die einen ersten Einblick in die Schätze des Walsergutes gibt. Besonders interessant sind die Briefe zwischen Martin Walser und Ruth Klüger, die aus dieser frühen Phase ihrer Freundschaft bisher völlig unbekannt waren. Beide studierten 1947 gemeinsam in Regensburg, sie die KZ-Überlebende, er der Bergsteiger bei der Wehrmacht. Einer jüdischen Figur in einer Walser-Novelle empfiehlt Klüger: „Mach deine Geschichte nicht so sentimental.“ Ein anderes Mal schreibt sie ihm in Richtung Bodensee: „Schwimmst du, schreibst du Gedichte?“ Ruth Klüger bittet in einem weiteren Brief um Richtung Bodensee. In der PS lässt sie ihn wissen: „Da Sie offenbar auf eine Sondererlaubnis warten, mich mit meinem Vornamen ansprechen zu dürfen, erteile ich Ihnen diese hiermit feierlich.“

All dies und noch viel mehr wird Thema der großen Walser-Ausstellung sein, die Marbach zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2027 plant. Hier und jetzt genießt der 95-Jährige sichtlich seinen Auftritt vor Publikum. Wenn Walser spricht, dreht sich seine Hand immer noch mit der gleichen energischen Virtuosität in die Luft wie bei seinen Lesungen. Und der Humor ist immer noch auf seiner Seite: „Erstens danke ich Ihnen, dass Sie so zahlreich gekommen sind und zweitens, dass Sie geblieben sind.“

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