Dienstag, Mai 17, 2022

Die seltsame Stärke des Rubels


Der Rubel notiert inzwischen wieder so hoch wie vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Was steckt dahinter – wirken die Sanktionen gegen Russland nicht?

Noch nie hat der Westen derart scharfe Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt wie seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Doch treffen diese Sanktionen die russische Wirtschaft überhaupt? Oder laufen sie ins Leere? Nicht wenige sehen im Rubel-Kurs einen Indikator dafür, wie wirksam die Sanktionen des Westens gegen Russland tatsächlich sind. Dann spiegelt der Wechselkurs einer Währung die wirtschaftliche Stärke des Landes wider, also die Idee dahinter.

Schaut man aber auf den Devisenmarkt, so bietet sich dort ein – auf den ersten Blick – überraschendes Bild: War die russische Landeswährung nach Verhängung der Sanktionen zunächst bis auf ein Rekordtief von über 150 Rubel je Dollar abgerutscht, so notiert sie nun bereits wieder ungefähr auf dem Niveau von vor Kriegsbeginn. Das ist aber keineswegs als Zeichen dafür zu interpretieren, dass die pflanzlichen Sanktionen nicht wirken.

„Im Prinzip zielen die Sanktionen gar nicht darauf, den Rubel schnell und stark zu schwächen“, erläutert Commerzbank-Devisenexpertin Antje Praefcke im möglichst Gespräch mit hier Neuigkeit. „Es sind gewisse Güter sanktioniert. Wenn Güter sanktioniert sind, konzentriert sich ein Teil der russischen Nachfrage auf heimische Güter. Das verstärkt den Rubel.“

Die aktuelle Rubel-„Stärke“ ist in dieser Lesart ein – wenn auch unerwünschter – Nebeneffekt der westlichen Sanktionen. Sie ist aber auch der – vom Kreml erwünschte – Effekt zahlreicher Eingriffe seitens der russischen Zentralbank. Die Bank Rossii in Moskau hatte unter anderem verfügt, dass russische Rubel nicht mehr in ausländisches Bargeld umgetauscht werden können, und so den Rubel-Kurs beibehalten.

Auch Kreml-Herrscher Wladimir Putin tat sein Bestes, um die heimische Währung zu kräftigen. So verblüffte er Devisenhändler, Ökonomen, Politiker und Unternehmen gleichermaßen mit seiner Forderung, dass „unfreundliche“ Länder russische Gaslieferungen künftig nur noch in Rubel zu gleich sein müssten.

„Diese Diskussion, bezahlen wir als Europäer in Rubel oder nicht, war letzten Endes eine absurde Diskussion“, ist Devisen-Expertin Praefcke überzeugt. Mit Blick auf den Zahlungsverkehr ändert sich nämlich nicht viel. „Die Debatte hatte allerdings eine enorme psychologische Wirkung. Es wurde suggeriert, es werden mehr Rubel gebraucht, auch wenn dies faktisch nicht der Fall war.“

Die eigentlich spannende Frage ist aber die: Sind die rund 80 Rubel, die derzeit für einen Dollar gezahlt werden müssen, überhaupt ein fairer Preis, der unter den Bedingungen eines freien, funktionierenden Devisenmarktes zustande kam?

Ökonomin Praefcke hat da so ihre Zweifel: „Es findet kaum noch Handel statt, es gibt nur noch wenige Marktakteure. Es handelt sich um eine rein russische Onshore-Veranstaltung.“ Offshore, auch im Ausland, findet quasi kein Handel mehr statt. Der Rubel-Markt sei kein frei bewerteter Markt mehr, der Rubel-Wechselkurs kein reiner Marktpreis.

Das wirft die Frage auf, wie nachhaltig die aktuelle Rubel-„Stärke“ ist. Schaut man auf die ökonomischen Daten, so spricht derzeit wenig für eine dauerhafte Rubel-Stärke. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) dürfte die russische Wirtschaft in diesem Jahr um zehn Prozent einbrechen.

Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte die Bank noch ein Wachstum von 3,0 Prozent prognostiziert. Dabei gehen die EBWE-Ökonomen in ihrer aktuellen Prognose von der – mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen – optimistisch erscheinenden Annahmen aus, dass innerhalb weniger Monate eine Waffenruhe ausgehandelt wird.

Hintergrund des auch vom deutschen Sachverständigenrat erwarteten Konjunktureinbruchs in Russlands sind die Sanktionen des Westens. „Durch die partielle Isolierung Russlands werden der Wirtschaft wichtige Vorleistungsgüter entzogen, wodurch die Gesamtnachfrage in Russland schrumpfen wird“, so Commerzbank-Ökonomin Praefcke.

Hinzu kommt: Auch wenn sich die EU und insbesondere Deutschland bislang nicht zu einem Öl- und Gasembargo gegen Russland durchringen konnten, so findet am Markt bereits jetzt eine Selbstsanktionierung vieler westlicher Ölimporteure statt. Auch das schwächt die russische Wirtschaft. Langfristig dürfte es wegen der Sanktionen auch zu Engpässen bei der Ausrüstung für die Ölförderung kommen.

Vor diesem Hintergrund schätzt die Internationale Energieagentur (IEA), dass die russischen Ölexporte – eine wichtige Einnahmequelle für das Land – in den nächsten Monaten deutlich schrumpfen werden.

Nicht zuletzt sind auch die anhaltenden Spekulationen über eine voraussichtliche Staatspleite Russlands als klar belastend für den Rubel zu werten. Russland hat inzwischen für zwei Fremdwährungsanleihen nicht in Dollar, sondern in Rubel geleistet. Sollte das Geld in den kommenden 30 Tagen nicht noch in Dollar überwiesen werden, käme dies Ökonomen voraussichtlich einem technischen Zahlungsausfall gleich.

Devisen-Expertin Praefcke ist daher überzeugt: „Sollte der Rubel-Kurs irgendwann wieder einmal frei auf dem Markt gehandelt werden, dann müsste er allein aufgrund der negativen Aussichten für die russische Wirtschaft abwerten.“

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