Dienstag, Mai 17, 2022

Große Konzerne packen den Strukturwandel an


Führende Unternehmen in Deutschland wollen Fachkräftemangel und Stellenabbau künftig gemeinsam bekämpfen. Macht das die Bundesagentur für Arbeit überflüssig?

Große deutsche Unternehmen haben sich zu einer „Allianz der Chancen“ zusammengeschlossen, um dem Fachkräftemangel und den Auswirkungen des technologischen Wandels entgegenzuwirken. Zu den mittlerweile 39 Mitgliedern gehören Automobilzulieferer wie Continental und Bosch sowie der Chemiekonzern BASF, Siemens und die Deutsche Bahn AG. Ihr Ziel ist es, Mitarbeiter „von Arbeit zu Arbeit zu holen und ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen“. So soll „die deutsche Wirtschaft zukunftsfähig gemacht und Massenarbeitslosigkeit, die zu sozialen Spannungen und Zwietracht führt“, vermieden werden.

Einerseits wird vor allem in der Automobilindustrie ein massiver Stellenabbau befürchtet, weil für den Bau eines Elektroautos deutlich weniger Arbeitsschritte erforderlich sind als für einen Verbrenner. Auf der anderen Seite haben Unternehmen hunderttausende offene Stellen, für die qualifizierte Mitarbeiter gefunden werden müssen.

Deshalb soll die Initiative Menschen helfen, möglichst schnell von einem Job zum nächsten zu wechseln, ohne über Jobcenter und Arbeitslosigkeit zu gehen: „Wir kennen die Kosten, die Arbeitslosigkeit verursacht, und wir wollen sie vermeiden“, sagt Ariane, Personalleiter bei Continental Reinhart, Vorsitzender der Initiative „Allianz der Chancen“.

Um dieses Ziel erreichen zu können, wollen sie bestehende Angebote wie Weiterbildungsverbünde, Hub-Modelle, Job-to-Job-Angebote oder andere Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit „insbesondere im Hinblick auf auf Schnelligkeit, Flexibilität und Bürokratieabbau“, sagt eine Sprecherin von Continental.

Die Bundesagentur für Arbeit versteht sich als wichtiger Ansprechpartner für die Initiative: „Uns als Bundesagentur für Arbeit stehen vielfältige gesetzliche Möglichkeiten wie das Qualifizierungschancengesetz oder das Arbeit-von-Morgen-Gesetz zur Verfügung, um Unternehmen noch besser beratend zu unterstützen.“ Gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort sind unsere Agenturen für Arbeit zentrale Akteure in den regionalen Netzwerken und nehmen eine wichtige Moderationsfunktion bei der Begleitung dieser Transformationsprozesse ein“, so die Agentur für Arbeit auf Anfrage hier Neuigkeit.

Erste Erfolge konnten bereits erzielt werden: „Über das Bündnis der Chancen konnte gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit der Prozess der Vermittlung von Arbeitnehmern, deren Arbeitsplatz durch die Umwandlung gefährdet ist, an Unternehmen, die aktuell auf der Suche sind, gestartet werden Mitarbeiter mit diesen Jobprofilen sollen effizienter werden“, sagte eine Sprecherin von Continental auf Nachfrage hier Neuigkeit Mit.

Die Herausforderungen, vor denen Unternehmen in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel, die Digitalisierung und die Dekarbonisierung der Wirtschaft stehen, sind enorm: Laut einer Studie des ifo Instituts könnten beispielsweise rund 100.000 Menschen in der Automobilindustrie ihren Arbeitsplatz verlieren bis 2025, wenn es den Unternehmen nicht gelingt, schnell auf Elektroautos umzusteigen und ihre Mitarbeiter entsprechend zu schulen. „Der Wandel in der Automobilindustrie ist schmerzhaft“, sagt Reinhart.

Zudem muss der Fachkräftemangel überwunden werden: Deutschlandweit waren laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im vierten Quartal 2021 knapp 1,7 Millionen Stellen unbesetzt. Deshalb hoffen die Unternehmen auf die Initiative Stellen besetzen können: „Durch eine bessere Vernetzung der Akteure am Arbeitsmarkt können alle profitieren und gemeinsam die Zukunft der Arbeit gestalten, deshalb sind wir Teil der Allianz der Chancen“, sagt Thomas Ogilvie, Personalvorstand und Arbeitsdirektor Direktor bei der Deutschen Post.

Im Rahmen der Allianz werden verschiedene Programme angeboten – vom zehntägigen Intensivkurs für Logistikeinsteiger bei der Deutschen Post bis hin zu mehrjährigen Programmen für Continental-Mitarbeiter, die die Branche wechseln möchten. Gleichzeitig dürfe es aber nicht ausreichen, sich allein auf die Qualifikation zu verlassen, um die Lücken zu füllen, sagt Ogilvie. Er plädiert auch für eine kontrollierte Einwanderung. Es muss sichergestellt werden, dass die richtigen Fähigkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind.

Deshalb sucht die Initiative auch das Gespräch mit der Politik, um sich zum Beispiel für eine Aufwertung der Berufsausbildung einzusetzen. Es muss also nicht jede ausgeschriebene Stelle mit einem Bewerber mit abgeschlossenem Hochschulstudium besetzt werden. Zudem soll nach dem Willen der im September vergangenen Jahres gegründeten Initiative der Zugang zu den von der Bundesagentur für Arbeit geförderten Weiterbildungsmaßnahmen erleichtert werden, ebenso der Jobwechsel selbst.

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