Sonntag, Januar 16, 2022

Insolvenz trotz guter Auftragslage


Zum Jahreswechsel stiegen die Gaspreise. Das stellt nicht nur Privathaushalte, sondern auch viele Unternehmen vor große Herausforderungen – oder treibt manche sogar in die Insolvenz.

Als Stefan Böll durch die große Halle der Kartonfabrik geht, bricht dem Geschäftsführer fast das Herz. Denn die große Kartonmaschine steht still. Nicht, weil die Gernsbacher Firma „Baden Board“ keine Aufträge hatte oder die Lager leer waren. Sondern einfach, weil sich das Unternehmen den Betrieb der Maschinen nicht mehr leisten kann.

„Die Energiepreise sind sehr volatil und in den vergangenen sechs Monaten stark gestiegen, insbesondere der Gaspreis“, klagt Böll. „Allein die Vorfinanzierung der Gaskosten für Januar, also zahlbar im Dezember, hätte rund vier bis viereinhalb Millionen Euro betragen. Das sind so gewaltige Summen, die das Unternehmen nicht mehr stemmen könnte.“

Die Kartonfabrik im Murgtal bei Baden-Baden verbraucht 1000 Megawatt pro Tag. Dieser Energiebedarf machte in der Vergangenheit etwa fünf bis maximal 15 Prozent der Produktionskosten aus. Aufgrund der steigenden Preise für Gas, das hier zur Stromerzeugung verwendet wird, liegen die Gestehungskosten jedoch mittlerweile bei 30 bis 40 Prozent – ​​zu viel für ein mittelständisches Unternehmen.

Also zog das Management die Notbremse. Am 30. Dezember wurden alle Turbinen und Maschinen abgeschaltet, die Produktion auf null heruntergefahren und 200 Mitarbeiter entlassen. Warum die Gaspreise so stark gestiegen sind, kann Geschäftsführer Böll nur erahnen: „Da gibt es sicher viele Gründe. Die wirtschaftliche Erholung nach Corona, die hohe Nachfrage aus Asien nach Flüssiggas, die aktuellen Themen rund um die Ukraine, und ich denke auch ein bisschen weit auch Politik, was hier praktiziert wird.“

Tatsächlich setzt sich der Gaspreis in Deutschland aus mehreren Faktoren zusammen, wie das Beispiel eines Einfamilienhauses zeigt: Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft entfallen hier 46 Prozent des Gaspreises auf die Beschaffung und Verkauf des Gases. Das ist das Geld, das letztendlich beim Gasunternehmen landet. Hinzu kommen die für die Nutzung der Netze anfallenden Netzentgelte in Höhe von 23 Prozent. Und schließlich die Abgaben, Steuern und der CO2-Preis von 31 Prozent. Anders ausgedrückt: Der jeweilige Gasversorger erhält weniger als die Hälfte des vom Nutzer gezahlten Gaspreises – der Rest geht in Form von Steuern und Abgaben an den Netzbetreiber und den Staat.

Der Geschäftsführer der Kartonfabrik im Murgtal liegt nicht ganz falsch, wenn er annimmt, dass es auch politische Gründe für den Anstieg der Benzinpreise gibt. Denn die Bundesregierung hat in ihrem Klimapaket eine CO2-Steuer beschlossen. Im vergangenen Jahr lag dieser Betrag bei 25 Euro pro Tonne klimaschädlichem Kohlendioxidausstoß; seit diesem Jahr werden 30 Euro fällig. Bis 2025 soll die Klimasteuer auf 55 Euro pro Tonne CO2 steigen.

Aber auch andere Faktoren außerhalb des deutschen Einflusses treiben den Preis in die Höhe: „Der Gaspreis wird weltweit gebildet, globale Einflüsse wirken sich stark auf die Preise im europäischen Gasgroßhandel aus“, erklärt Timm Kehler, Vorsitzender des Branchenverbands „ ZukunftGas“. „Der Preisanstieg begann im vergangenen Jahr und wurde durch Entwicklungen in Asien ausgelöst, wo die Wirtschaftstätigkeit nach der Corona-Krise deutlich schneller anstieg als in Europa. Gleichzeitig führten niedrigere Erträge aus Windenergie in vielen Teilen der Welt zu einer höheren Nachfrage nach andere Energiequellen, was sich entsprechend auf den Gaspreis auswirkte.“

Im Sommer hätten viele Marktteilnehmer mit sinkenden Preisen gerechnet, doch sei dies nicht geschehen, so Kehler weiter. „Deshalb mussten zum Beispiel Gasspeicher in Europa, die nach dem kalten Winter 2020/21 stark geleert waren, für den kommenden Winter teuer wieder aufgefüllt werden.“

Die gestiegenen Energiepreise scheinen nicht nur Endverbraucher, sondern auch einige Energieversorger zu verunsichern. Ende vergangenen Jahres gaben die Stadtwerke Stuttgart überraschend bekannt, keine Neukunden mehr aufnehmen zu wollen. Grund: die „starken Preissteigerungen und Schwankungen im Gasbereich“.

Die Kritik kam prompt. Haus & Grund nannte das Vorgehen „inakzeptabel“: „Neukunden die Tür vor der Nase zuzuschlagen ist nicht in Ordnung“, sagt Geschäftsführer Ulrich Wecker, „auch nicht, wenn die Preise am Energiemarkt Achterbahn fahren.“ Haus & Grund erklärt, man habe Verständnis dafür, dass die stark schwankenden Beschaffungspreise derzeit eine langfristige Kalkulation der Angebotspreise erschweren. Allerdings zeichnet sich diese Entwicklung seit einiger Zeit ab.

Die Stadtwerke Stuttgart haben inzwischen eingelenkt und angekündigt, wieder Neukunden aufzunehmen. Allerdings müssten sie 14,85 Cent pro Kilowattstunde zahlen – und damit fast das Doppelte des Tarifs für Bestandskunden, der bei 7,85 Cent liegt. Diese Preise für Neukunden orientieren sich am „aktuellen Marktpreis“, teilten die Stadtwerke mit. Und weiter: „Auslöser der Entwicklung sind unter anderem extrem hohe Preise für Erdgas weltweit und deutlich höhere Preise für CO2-Zertifikate für Kraftwerksbetreiber.“

Die Kartonfabrik im Murgtal hätte in diesem Jahr ihr 140-jähriges Bestehen gefeiert. Doch jetzt steht die Produktion still. Trotzdem will man hier die Hoffnung nicht ganz aufgeben. Inzwischen haben sich drei Interessenten angemeldet; Investoren, die sich vorstellen könnten, das Unternehmen zu kaufen und weiterzuführen. Trotz der hohen Energiekosten.

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