Dienstag, Mai 17, 2022

Ökodorf-Flair auf dem Luxusweingut – wie passt das zusammen?


Sschwer zu sagen, woher die Röte auf den Wangen der anwesenden Gäste kam. Von der südfranzösischen Sonne oder vom Rosé, der nach dem zweiten Glas am Mittag einen zarten Teint auf fahler Winterhaut hinterlässt. Und damit er nicht verschwindet, eilt ein Kellner vor dem letzten Schluck herbei, um das Glas nachzufüllen – aus einer Plastikflasche.

„Er wiegt nur 63 Gramm“, sagt Jessica Julmy, Geschäftsführerin des Weinguts Château Galoupet, bei der Verkostung des ersten Jahrgangs des Weinguts. Nach einer zweijährigen Renovierung durch den neuen Eigentümer Moët Hennessy, die Spirituosensparte des Luxuskonzerns LVMH, wird es nun wiedereröffnet. Jessica Julmy, eine energische Schweizerin, die lange in den Vereinigten Staaten lebt und zu den Menschen gehört, die eine ganze Dinnerparty von der Vorspeise bis zum Dessert bewirten, aber trotzdem zuerst den Teller aufessen, erklärt den Vorteil dieser Plastikflaschen. „Im Vergleich zu herkömmlichen Glasflaschen sparen wir rund 40 Prozent an CO2-Emissionen ein. Außerdem ist die Flasche so flach konstruiert, dass sie bei der Bestellung im Online-Shop durch den Briefschlitz passt“, sagt sie. „Und sie ist komplett gefertigt aus recyceltem Plastik, das aus verschmutzten Küstenregionen stammt.“

Wir befinden uns im Herzen der französischen Provence, in der Nähe von Domaine de l’Île, einem von fünf Weingütern der Marke Chanel, und von Château Miraval, das Brad Pitt gehört, dessen jetzige Ex-Frau Angelina Jolie ihren Anteil inzwischen verkauft hat. Ganz in der Nähe, in der Festung Brégançon, verbringt Präsident Macron normalerweise seine Sommerferien und gönnt sich sicherlich auch ab und zu das ein oder andere Glas Rosé. Ein glamouröses Umfeld.

Es mag verwundern, dass ausgerechnet Moët Hennessy – mit seinen wuchtigen Champagnerflaschen von Veuve Clicquot bis Dom Pérignon, der bei der Einweihung auch gerne im extravagantesten Sinne gegen Yachten kracht – nun das Thema Nachhaltigkeit auf die Welt geschrieben hat Weinetikett, mag zunächst überraschend erscheinen. Aber es passt zum ganzheitlichen Konzept, die Weinberge von Château Galoupet im Einklang mit der Natur zu bewirtschaften und eine Bio-Zertifizierung anzustreben. Es ist ein langfristiges Projekt, dem sich Julmy hier widmet. Eine, die auch charakteristisch für die Bemühungen großer Marken ist, Luxus für die Zukunft neu zu definieren. Und so absurd das auch klingen mag, es ist der Versuch, dem Rosé, der wie kein anderes Getränk für ein unbeschwertes Lebensgefühl steht, so etwas wie eine breitere Bedeutung zu geben.

Als vor fast fünf Jahren ein gewaltiger Brand das 1955 zum Cru Classé erhobene Weingut fast vollständig zerstörte, war das der Beginn eines Neuanfangs und ein etwas unvorhergesehenes Mittel zum Zweck. „Die Natur“, sagt Julmy, „vergibt. Und das Feuer brachte nicht nur Schlimmes mit sich, sondern zerstörte auch alles an Flora und Fauna, was an diesem Ort eigentlich nicht gebraucht wird. Was zurückkommen soll, kommt langsam zurück, wie diese Eichen hier, weil sie so gut an das trockene Wetter in dieser Region angepasst sind. Sie sind feuerbeständig und bieten daher eine Art natürlichen Schutz für die Zukunft.“

In den vergangenen zwei Jahren wurde viel getan, um hier wieder Leben einzuhauchen. In den Weinbergen wurden mehr einheimische Bäume gepflanzt, um grüne Korridore zu schaffen, die Vögeln und Insekten ein Zuhause bieten, bienenfreundliche Gräser und Wildblumen wurden zwischen den Wiesen gesät, um die Böden anzureichern, sie vor Erosion zu schützen und ihre Porosität für die Entwässerung zu erhöhen Niederschlag.

Als Julmy durch die Weinberge führt, ein 69 Hektar großes Areal, zu dem ein mindestens ebenso großes Waldstück gehört, erzählt der 37-Jährige, wie herausfordernd es manchmal war, die älteren Herren, die das Mega- Corporation, um sie von ihrer Vision zu überzeugen, dass auch die Nachhaltigkeit des Produkts sichtbar sein soll. Nicht nur der Galoupet Nomade aus der Plastikflasche. Der andere Jahrgang 2021, ein Cru Classé Rosé, wird in einer Glasflasche abgefüllt, die zu 70 Prozent recycelbar ist.

„Das war nicht so einfach durchzukommen, denn das Glas ist braun statt durchsichtig und die Farbe eines Rosés verkauft sich schließlich auch sehr gut.“ Am Ende glaubte man ihr, dass der Wert der Dinge in Zukunft mehr zählt als ihre Verpackung. Und wenn Château Galoupet wieder in voller Blüte steht, wird ohnehin die Hälfte des LVMH-Vorstands in Rente gehen. „Wir brauchen viel Geduld“, sagt Julmy mit einem Blick in die Ferne, ganz klar im Bewusstsein der jungen Konsumenten, die Sinn fordern und denen sie den Wein aus der Plastikflasche für 25 Euro verkaufen will.

Zurück am Schloss angekommen, fällt auf, wie viel hier noch menschenleer ist – oder je nach Betrachtungsweise unbebaut und idyllisch. „Dort“, sagt Julmy und zeigt auf eine verfallene, verkohlte Scheune, „wollen wir ein Café und vielleicht einen kleinen Laden eröffnen, wo man Nebenprodukte des Schlosses und Produkte aus der Umgebung kaufen kann.“ Neben seinem Engagement für die Umwelt fühlt sich das Unternehmen auch verpflichtet, der Region wirtschaftlich etwas zurückzugeben.

Und auch sonst gleicht hier vieles eher einem Ökodorf als einem Schloss, wie man es vom weltgrößten Luxuskonzern erwarten würde. Eine große Terrasse mit Meerblick führt zu einer riesigen Halle, die leer steht. „Der Vorbesitzer hat es viel für große Partys genutzt“, sagt Julmy, „aber wir wissen noch nicht, was wir damit machen sollen.“ Wofür auch immer sie genutzt werden soll, glitzernde Partys werden in dieser Halle wohl kaum stattfinden und bei der Einweihung dürften keine Flaschen gegen die Wände krachen. Sowie wenn sie aus Plastik sind.

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