Donnerstag, Mai 19, 2022

VW mit neuem US-Fokus


Volkswagen könnte noch viel mehr Autos verkaufen, aber der Konzern wird von allen Seiten bedrängt. Deshalb will sich der Konzern auf den US-Markt konzentrieren – mit einer neuen Marke.

Der Autokonzern Volkswagen musste im April erneut einen schweren Auslieferungseinbruch hinnehmen. Die Wolfsburger lieferten weltweit nur noch 516.500 Fahrzeuge aus und damit 37,8 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Besonders drastisch war der Rückgang in China, dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt des Konzerns, wo der Umsatz um die Hälfte zurückging.

Einerseits lastet der Halbleitermangel nach wie vor auf dem Konzern, zudem bremst in China die Null-Covid-Politik der Regierung mit lokalen Lockdowns. Aber auch in anderen wichtigen Märkten gingen die Lieferungen stark zurück. Am stärksten sanken die Umsätze in Mittel- und Osteuropa mit minus 55,5 Prozent, in Nordamerika um rund ein Viertel und auf dem Heimatmarkt in Westeuropa um knapp 29 Prozent. Nach den ersten vier Monaten konnte der Volkswagen Konzern 2,41 Millionen Pkw, Lkw und Busse an Kunden übergeben, 26 Prozent weniger Fahrzeuge als ein Jahr zuvor.

Mit Ausnahme des Luxussportwagenherstellers Lamborghini verzeichneten alle Marken des Konzerns Absatzrückgänge im hohen zweistelligen Bereich. Die Pkw der Hauptmarke VW gingen um 40 Prozent zurück, bei der tschechischen Schwester Skoda waren es 37 Prozent weniger als vor einem Jahr, bei der spanischen VW-Tochter Seat betrug das Minus 32 Prozent. Bei Audi gingen die Auslieferungen um 40 Prozent zurück, bei der Sportwagentochter und Renditeperle Porsche betrug das Minus 16 Prozent.

Angesichts der massiven Probleme in der Branche und insbesondere bei Volkswagen erwarten Beobachter keine schnelle Besserung. Experten befürchten vielmehr, dass insbesondere die Produktion von Elektroautos langfristig beeinträchtigt bleiben könnte, da wichtige Vorprodukte wie Lithium, Kobalt und Nickel durch den Krieg in der Ukraine nicht nur knapper, sondern auch deutlich geworden sind teurer.

Die hohe Abhängigkeit vom chinesischen Markt mit mehr als drei Millionen verkauften Fahrzeugen im vergangenen Jahr gepaart mit der dort zunehmenden Konkurrenz durch aggressive Anbieter wie BYD (Build Your Dreams), China FAW (First Automotive Works) oder Geely, Großaktionär von Mercedes -Benz, lässt Volkswagen wieder stärker auf den US-Markt blicken.

Nach echten Erfolgen wie dem VW Käfer, die allerdings Jahrzehnte zurückliegen, und eklatanten Fehlschlägen wie dem Dieselskandal will der Wolfsburger in den USA angesichts von etwas mehr als einem halben Jahr nun dort mit einer neuen Strategie angreifen Millionen verkaufte Fahrzeuge im Jahr 2021, offenbar auf Pick-up-Trucks angewiesen. Allerdings bietet Volkswagen diesen in den USA besonders beliebten Autotyp derzeit nicht an.

Ab 2026 will der Konzern deshalb mit einer eigenen Elektroauto-Marke nachlegen. Geplant ist, in den USA einen vollelektrischen Pickup und ein SUV unter dem Herstellernamen Scout auf den Markt zu bringen. Das wäre eine Art Wiederbelebung der SUVs des ehemaligen Pkw-, Lkw- und Landmaschinenherstellers International Harvester aus Chicago, die im Zuge der Übernahme des US-Zulieferers Navistar durch die VW-Tochter Traton an die Wolfsburger fielen. Die ersten Skizzen existieren bereits. In einer ersten Stufe sollen 100 Millionen Euro in das Projekt investiert werden, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Seit einiger Zeit wird nach einem Weg gesucht, im Pick-up-Markt Fuß zu fassen und auch das Ziel von zehn Prozent Marktanteil zu erreichen. Mit dem Amarok haben die leichten Nutzfahrzeuge von Volkswagen seit vielen Jahren ein solches Modell im Programm – verkauft wurde es aber ausgerechnet in den USA nicht. Ein Grund war eine bizarre Importhürde, mit der Washington Handelshemmnisse für exportierte Hühner mit höheren Einfuhrzöllen für bestimmte Autotypen, der sogenannten „Chicken Tax“, zurückgezahlt hatte.

In der Folge dominierten heimische Anbieter wie General Motors und Ford das heimische Geschäft mit Pick-ups. Mittlerweile sind auch US-Elektroautohersteller wie Tesla und Rivian in der Branche aktiv. Das Beispiel des Ford F-150 zeigt, dass es einen Markt für elektrische Pick-ups gibt. Die Nachfrage nach der Elektroversion des seit Jahrzehnten meistverkauften Automodells in den USA hat sich zuletzt so stürmisch entwickelt, dass Ford einen Bestellstopp verhängen musste. Offenbar hat sich herumgesprochen, welche Vorteile ein solches Modell in einem Land bieten kann, das häufiger von Stromausfällen betroffen ist als Deutschland. So kann der Stromspeicher des Modells bei voller Ladung auch für mehrere Tage zur Versorgung von Häusern mit Strom genutzt werden.

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