Dienstag, Mai 17, 2022

Wenn die Fledermäuse kommen, schalten sich die Windmühlen aus


EErneuerbare Energien sind ein Schlüsselelement bei der Bewältigung der Klimakrise, weshalb die Bundesregierung den Ausbau so schnell wie möglich vorantreiben will. Nachhaltiger Strom made in Germany – wer will dagegen protestieren? Trotzdem stockt die Expansion. Nur wenige neue Windkraftanlagen sind seit drei Jahren ans Netz gegangen. Gründe sind unter anderem ein neuer Zulassungsprozess seit 2018 und zahlreiche Rechtsstreitigkeiten.

Denn neben den Vorteilen der Windkraft gibt es erhebliche Interessenkonflikte. Sie treffen sowohl verärgerte Anwohner als auch besorgte Naturschützer – denn die Rotorblätter zerschmettern Vögel und Fledermäuse, Klimaschutz und Artenschutz prallen förmlich aufeinander. Anders als in den Anfängen der Windenergie gibt es heute jedoch Konzepte und technische Lösungen, um den Konflikt zu entschärfen.

Kann das ehrgeizige Ziel der Bundesregierung also erreicht werden? Sie wollen die Leistung der Windenergie an Land bis 2030 von 56 auf 115 Gigawatt steigern, also nahezu verdoppeln. Zumindest auf dem Papier scheint das möglich. Zwei grün geführte Ministerien haben Anfang April ein entsprechendes Eckpunktepapier vorgelegt. Es sei möglich gewesen, „den Knoten zu durchtrennen“, sagte Klimaminister Robert Habeck.

Umweltministerin Steffi Lemke betonte, dass „hohe Standards für den Artenschutz“ eingehalten würden. Windkraft massiv ausbauen und gleichzeitig Vögel und Fledermäuse schützen, beides soll gelingen. Von Naturschützern gibt es Lob, aber auch Kritik.

Eines vorweg: Niemand weiß genau, wie viele Tiere in Deutschland an Windkraftanlagen sterben und wie stark die Bevölkerung davon betroffen ist. Das Landesamt für Umwelt Brandenburg führt die einzige in Deutschland gemeldete Liste von Trefferopfern. Aber es enthält „nur einen Bruchteil der Vögel und Fledermäuse, die gestorben sind“, so die Agentur. Bei den allermeisten Windrädern sucht niemand nach toten Tieren. Viele Opfer werden auch von Füchsen gefangen, einige werden verletzt und sterben weit entfernt von der Windmühle. Ausgehungerte Kinder der Opfer der Schläge sind ebenfalls nicht aufgeführt.

Verschiedene regionale Studien haben in sehr aufwändigen Suchaktionen zahlreiche Opfer von Schlägen auf Windkraftanlagen erfasst. „Daraus lassen sich aber keine belastbaren Hochrechnungen für andere Jahre und andere Regionen ableiten“, sagt Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrums in Frankfurt am Main. Zudem ist angesichts anderer Todesursachen meist unklar, welche Folgen die Windkraft wirklich für die jeweilige Bevölkerung hat. Es gibt gute Studien, die aber unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Niemand zweifelt jedoch daran, dass es erhebliche Zahlen von Opfern von Windkraftanlagen gibt. Das neue Eckpunktepapier „Beschleunigung des umweltverträglichen Ausbaus der Windenergie an Land“ enthält daher erstmals bundesweit Kriterien zur Bewertung des Kollisionsrisikos für Vögel an Windenergieanlagen. Sie legt Mindestabstände zum Nest ausgewählter Vogelarten wie Rotmilan und Weißstorch fest. Gleichzeitig soll es Sondergenehmigungen geben – die Betreiber müssen dann in Artenschutzprojekte einzahlen.

Der Bundesverband WindEnergie BWE und auch Naturschützer begrüßen das Papier. „Die aktuelle Vorwärtsbewegung ist angesichts der vorherrschenden Klimakrise ein längst überfälliger Schritt“, sagt Nabu-Vogelschutzreferentin Ute Eggers. Allerdings gibt es Kritik an den Details.

Das betrifft zum einen die Mindestabstände zwischen Windrädern und Brutvögeln – laut Eckpunktepapier sollen es je nach Vogelart 350 bis 1500 Meter sein. Diese Abstände seien viel kleiner als bisher empfohlen, was die Kollisionsgefahr erhöhe, sagt Eggers. „Das sollte dringend verbessert werden.“ Der BWE kritisiert hingegen, dass es nun neue Testgebiete in einem bestimmten Bereich um die Anlagen herum gibt.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft Kollisionsvermeidungstechniken, einschließlich vorübergehender Abschaltungen, um Fledermäuse zu schonen. In den neueren Systemen seien sie bereits eingeführt worden, was eigentlich ein Lichtblick sei, sagt Fledermaus-Experte Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Die Ertragseinbußen, die Windkraftbetreiber hinnehmen müssen, seien mit nur rund einem Prozent gering, sagt Voigt.

Denn die Anlagen schalten nur unter ganz bestimmten Bedingungen ab: Nur in warmen, windstillen Nächten von Mitte Juli bis Ende Oktober, bei Windgeschwindigkeiten von weniger als fünf bis sechs Metern pro Sekunde und Temperaturen über zehn Grad. In dieser Zeit ziehen laut Voigt hunderttausende Fledermäuse durch Deutschland, wie etwa der Abendsegler aus dem Baltikum nach Frankreich wandert.

Laut dem Eckpunktepapier sind den Betreibern die vorübergehenden Abschaltungen nur im Rahmen einer gewissen wirtschaftlichen Belastung zuzumuten. Die Zumutbarkeitsschwelle soll in der Regel bei sechs Prozent des Jahresertrags einer Anlage liegen. Dazu gehören nicht nur die Schäden, die durch Stilllegungen selbst verursacht werden, sondern auch diejenigen, die durch alle anderen Artenschutzmaßnahmen verursacht werden. „Die Sechs-Prozent-Marge ist so schnell erreicht, dass dieser Vorschlag aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen einen wirksamen Naturschutz untergräbt“, kritisiert Christian Voigt.

Die Abschaltungen sollen laut Eckpunktepapier zudem auf eine noch nicht festgelegte Stundenzahl begrenzt werden. „Wenn die Anzahl der Stunden dieser Stillstandszeiten begrenzt wird, wird es jenseits dieser Grenze zweifellos zu hohen Todeszahlen kommen“, sagt Voigt.

Das größte Problem ist laut Voigt, dass die mehr als 20.000 älteren Windkraftanlagen ohne Fledermaus-Abschalteinrichtungen laufen, also der Großteil der rund 30.000 Anlagen in Deutschland. Rechnet man konservativ mit durchschnittlich zehn Verletzten pro älterer Windkraftanlage und Jahr, „liegen wir bei einer jährlichen Schadensrate im sechsstelligen Bereich“, sagt Voigt und verweist auf eine vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Studie.

Eine Nachrüstung der Altsysteme ist im Eckpunktepapier nicht vorgesehen. Dies wäre aber „eigentlich ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Zielkonflikts zwischen Energiewende und Artenschutz“, so Voigt. „Die Ernsthaftigkeit des Versprechens zur Lösung des Zielkonflikts messe ich daran, ob sich Herr Habeck und die Ministerien diesem Problem widmen.“

Das Eckpunktepapier möchte künftig auch erleichterte Ausnahmen für den Bau von Windkraftanlagen ermöglichen, wenn sich der Erhaltungszustand einer Population nicht verschlechtert. Auch dies wird von Naturschützern kritisiert. „Eine Ausnahme vom Tötungsverbot bedeutet, dass der Konflikt zwischen der geplanten Anlage und dem vor Ort vorkommenden Tier nicht durch Maßnahmen gelöst, sondern die Tötung hingenommen wird“, erklärt Nabu-Berater Eggers. Sie bezweifelt, dass es in diesem Fall genügend gute Daten gibt, um „den Erhaltungszustand der einzelnen Arten in Deutschland und regional angemessen zu beurteilen“.

Auch die Einschätzung des Populationszustands sei schwierig, so der Fledermausexperte, insbesondere bei wandernden Fledermäusen. „Deutschlandweit sind die Bestände wandernder Fledermausarten zurückgegangen“, sagt Voigt, darunter auch der Große Abendsegler. Bei anderen Arten haben sie wieder zugenommen, nachdem ihre Bestände in den 1950er und 1960er Jahren durch den Einsatz von Pestiziden wie DDT drastisch eingebrochen waren. Voigt weist zum Beispiel darauf hin, dass Fledermäuse viele Schadinsekten fressen und so Pestizide einsparen.

Die Vogelforscherin Böhning-Gaese hingegen bezeichnet das Eckpunktepapier als „ziemlich guten Kompromiss“. Sie kritisiert den Plan, mehr Windkraftanlagen in Landschaftsschutzgebieten zu errichten. „Das sind besondere Gebiete mit wenig menschlichem Eingriff und potenziell hoher Artenvielfalt und Bevölkerungsdichte.“ Die Bevölkerung in die Bewertung einzubeziehen, sei der richtige Ansatz, betont Böhning-Gaese. „Bei Großvögeln wie Schwarzstorch oder Rotmilan ist der bundesweite Bestand recht gut bekannt.“

Allerdings räumt sie ein, dass sich Bevölkerungstrends erst in etwa zehn Jahren abzeichnen werden. Die Ansicht der gesamten Bevölkerung ist richtig, denn neben den Windrädern gibt es viele Todesursachen wie Vergiftungen, Autos und Stromleitungen.

„Der Hauptgrund für den Vogelrückgang ist aber der geringe Bruterfolg in der industriellen Landwirtschaft“, sagt Böhning-Gaese. Es fehlt an Hecken und Brachflächen; Wiesen werden fünfmal im Jahr gemäht.

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